Überlegungen zur Fragen, was uns zum Philosophieren antreibt
Wenn Philosophie der Wortgeschichte nach „Liebe zur Wahrheit“ oder „Liebe zum Wissen“ bedeutet und auch sachlich als eine Suche nach der Wahrheit verstanden werden kann, dann ist zu fragen: Warum sind wir an der Wahrheit interessiert? Was erwarten wir davon, sie zu kennen? [Dabei genügt hier als vorläufige Definition der Wahrheit: wissen und sagen können, wie es wirklich - und nicht vermeintlich - ist.] Pauschal formuliert, sagt Michael Theunissen, habe sich die klassische Philosophie eine doppelte Aufgabe gestellt, „nämlich einmal die Verständigung des Menschen über sich selbst zu befördern und zum andern seine Orientierung in der Welt zu erleichtern“ [1]. Diese Formel ist so allgemein gehalten, dass sie präzisiert werden muss; das möchte ich im Folgenden versuchen.
Versuchen wir zuerst unser ganz normales Interesse an der Wahrheit zu umschreiben, das mit Philosophie noch wenig zu tun hat. Dieses Interesse steht im Zusammenhang von Wissen und Handeln im Alltag. Wenn wir etwas tun wollen, also etwa Nachrichten hören oder Rasen mähen, bewegen wir uns in einem Geflecht von Erwartungen und Handgriffen, die mit vielen Elementen des Wissens verbunden sind: dass ein Gerät mit einem Knopfdruck angestellt werden kann, dass um 8.00 Uhr Nachrichten gesendet werden, dass der Rasen nicht zu nass ist und so weiter. Dieses nomale Sachwissen, das uns im Alltag erfolgreich handeln lässt, haben wir in der Erfahrung erworben; es beruht teilweise auf wissenschaft-lichen Erkenntnissen (etwa die Produktion von Radiogeräten); vor allem zeichnet es sich im Hinblick auf unsere Fragestellung dadurch aus, dass Wissen im Tun erworben wird und Irrtümer leicht korrigiert werden können.
Davon zu unterscheiden ist das ausgesprochen wissenschaftliche Interesse an einer Erweiterung des Wissens; ich will es hier als das Bemühen, die Grenzen des Gewussten in beliebig vielen Fragen methodisch kontrolliert zu verschieben und den Bereich des Gewussten zu erweitern, charakterisieren. Das nicht Gewusste ist hier das noch nicht oder nicht genau Gewusste. Dieses wissenschaftliche Interesse an der Wahrheit speist sich aus zwei Quellen, aus dem Drang, die Welträtsel zu enthüllen, und aus dem Bestreben, gezielter und gekonnter in die die Prozesse des Weltverlaufs eingreifen zu können.
Im Unterschied zu diesem Interesse beruht das philosophische Interesse an der Wahrheit weniger auf dem Nichtwissen als vielmehr auf der Erfahrung oder dem Verdacht, dass wir in wesentlichen Fragen unserer Lebensführung getäuscht werden oder in Irrtümern befangen sind. Ich denke an Fragen, die nicht den Zusammenhang alltäglichen Wissens und Handelns betreffen, sondern sich aus unseren „letzten“ Lebenswünschen ergeben oder die mit Erwartungen zusammenhängen, welche an uns gestellt werden: was wir billigen sollen, was wir hinnehmen oder leisten sollen. An drei Beispielen möchte ich zeigen, was ich unter dem philosophi-schen Interesse an der Wahrheit verstehe; sie können leichter verstanden werden, wenn man ähnliche eigene Erfahrungen bedenkt. Die Beispiele zeigen, was das Aufdecken des Irrtums zu einer menschlichen Befreiung beiträgt.
Das erste Beispiel steckt in einem isolierten Wort des altgriechischen Philosophen Xenophanes; seine Überlegungen wie die seiner Zeitgenossen sind uns nur aus Zitaten ihrer Nachfolger bekannt, als „die Fragmente der Vorsokratiker“ (also der Philosophen vor Sokrates). Das heißt, dass wir ihren Kontext, sowohl den der Gedanken wie der Situation ihrer Äußerung, weithin selber rekonstruieren müssen. Das Wort lautet folgendermaßen:
„Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz,
die Traker, blauäugig und blond.“ [2]
Das heißt salopp übersetzt: Die Götter der Neger sehen angeblich wie Neger, die der Germanen vermeintlich wie die Germanen selber aus. Und das besagt, dass die Menschen ihre Götter nach ihrem eigenen Bild schaffen und dass solche Götter-Bilder nicht wahr sein können, dass sie Irrtümer sind.
Wozu betreibt jemand solche Kritik an den Gottesvorstellungen? Was sollen wir denn im Glauben an bestimmte Götter billigen oder selber leisten? Götter haben Macht; Götter haben ihre Priester; sich von den Götterbildern befreien heißt, sich von der Gottes-Macht der Priester zu befreien. Religionskritik kann aus dem Wunsch nach einer umfassenden Freiheit stammen, wie er sich bei Heinrich Heine zeigt, als er Kants Vernunftkritik als Ende des Gottesglaubens feiert, dieses Ende aber ausdrücklich als Parallele zur Französischen Revolution versteht. [3] Das kritische Interesse könnte aber auch aus dem Wunsch stammen, das wahre Wesen der Gottheit zu erkennen, wie es vielleicht aus einigen Fragmenten des Xenophanes spricht: „Ein einziger Gott ist unter Göttern und Menschen der Größte, weder dem Körper noch der Einsicht nach den sterblichen Menschen gleich.“ [4]
Das zweite Beispiel stammt aus einem Buch des Tschechen Václav Havel (Die Macht der Ohnmächtigen, 1978. Deutsch unter dem Titel „Versuch, in der Wahrheit zu leben“). In diesem Buch geht Havel von einer Beobachtung aus, dass ein Gemüsehändler in der damals kommunistischen Tschechoslowakei das Spruchband „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ aufgehängt hatte; Havel prüft, warum der Händler das wohl getan hat, und entlarvt von dieser Beobachtung ausgehend das System von Verlogenheit und Konformismus, auf dem sich die kommunistische Regierung damals gestützt hat. Unter dem Schein der Zustimmung zu den kommunistischen Phrasen wird dem Gemüsehändler ein ruhiges Leben garantiert, aber seine Identität geraubt; er gibt sie zugunsten des Systems auf, sodass er „zum Mitträger der allgemeinen ‚Eigenbewegung‘, zum Diener ihres Selbstzwecks wird, damit er sich an der Verantwortung für diese ‚Eigenbewegung‘ beteiligt, damit er in sie hineingeschleppt und mit ihr verflochten wird, wie Faust mit Mephisto. Nicht nur das - damit er durch diese Verflochtenheit die allgemeine Norm mitformt und auf seine Mitbürger Druck ausübt. Noch mehr - damit er sich in dieser seiner Verflochtenheit einnistet, damit er sich mit ihr identifiziert, als sei sie etwas Selbstverständliches und Notwendiges, damit er schließlich von allein seine eventuelle Nichtverflochtenheit als Abnormalität, als Frechheit, als einen Angriff gegen ihn selbst, als jene ‚Isolierung von der Gesellschaft‘ betrachtet.“[5] Havels Analyse macht deutlich, wie nicht nur politische Freiheit, sondern auch die innere menschliche Freiheit oder Identität davon abhängt, dass wir den Irrtum der Ideologie durchschauen und uns ihrer Macht nicht beugen.
Das dritte Beispiel für das Interesse, einer elementaren Täuschung zu entkommen, kenne ich aus meiner eigenen Erfahrung: drittes Kind einer Kriegerwitwe; der Jüngste, an den die Mutter sich klammert, für den sie „alles“ tut und von dem sie entsprechend Dankbarkeit erwartet; dessen Freiheitsstreben sie mit Herzbeschwerden beantwortet und mit der Drohung, ins Wasser zu gehen; der sich nicht nach Mädchen umschauen darf, weil diese angeblich seinem Fortkommen im Weg stehen; der schließlich „freiwillig“ Priester wird und so die erwünschte Ehe-losigkeit mit der neuen Sinnerfüllung des mütterlichen Lebens als „Priestermutter“ verbindet. Die Mutter sah ihre Aufgabe darin, alles „Gefährliche“ von ihrem Sohn fernzuhalten und entsprechend zu seinem eigenen Glück ihn zu kontrollieren. Meine Pflicht zu „gehorchen“ war im Dank für die vielfältige Selbstaufopferung der Mutter begründet und wurde durch den Gehorsam gegen die göttliche „Berufung“ verstärkt - zum Priester wird man ja bekanntlich von Gott selbst berufen - wobei Verzichtsleistungen durch Statusgewinn ausgeglichen werden.
Lassen wir es auf sich beruhen, wie die täuschende Verpflichtung des göttlichen Rufes entlarvt wurde, der ohnehin immer problematisch gewesen war. Schwieriger war die Erkenntnis, dass der Vorwurf „Du Undankbarer tust deiner Mutter, die dich so sehr liebt, weh!“ eine Chimäre war. Die Erkenntnis gewann ich durch Lektüre eines Buches von Felix Schottlaender: Die Mutter als Schicksal [6]. Schottlaender hat gezeigt, dass neurotische Bindungen von Müttern an Söhne häufig vorkommen, dass sie nach bestimmten Gesetzen ablaufen, dass sie gemeinsame Merkmale aufweisen und dass sie eine Krankheit darstellen. Meine neue Einsicht war: Liebeserweise und Liebesverlangen der Mutter waren ein Fall, ein Geschehen; dass ich meiner Mutter lebenslänglich Dank erstatten sollte, war keine moralische Pflicht, die mich im Innersten angeht; dass Mütter ihren Söhnen Dankespflichten aufoktroyieren, ist ein regelhaft ablaufendes Geschehen, prinzipiell erklärbar aus der eigenen Lebensgeschichte der Mutter. Ich verstand den Fall und verstand, dass sie das Geschehen nicht verstehen konnte [7] und immer mehr fordern würde. Die Täuschung aufheben, das hieß nicht nur: eine Erkenntnis gewinnen, sondern den Schritt aus der „Dankbarkeit“ und Unmündigkeit hinaus tun dürfen. [8]
Mit dieser Formulierung habe ich bewusst auf Kants Definition der Aufklärung [9] angespielt: „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, welche auf der Angst beruht, sich seines eigenen Verstandes „ohne Leitung eines anderen“ zu bedienen. Lebensgeschichtlich ist entscheidend, wie man seine Angst überwinden kann; philosophisch interessant ist die Frage, was das Philosophische an der Überwindung einer Täuschung ist. Für den ersten Aspekt verweise ich auf Bollnows Einsichten, dass Krisen wesentlich zum menschlichen Leben gehören und dass nur in Krisen überkommene den Menschen bestimmende Meinungen revidiert werden: „Darum ist es verständlich, wenn die Menschen erst durch den Zwang der Krise zur Erkenntnis gewungen werden müssen; denn jede echte Erkenntnis geht uns zugleich selber an, sie ist immer zugleich Selbsterkenntnis.“ [10]
Habe ich oben noch das philosophische Interesse inhaltlich an den wesentlichen Fragen der Lebensführung festgemacht, so soll zum Schluss das philosophische Denken mit seinem Bestreben, Täuschungen zu entlarven, methodisch bestimmt werden. Mit Herbert Schnädelbach möchte ich es als durch Reflexion gekennzeichnet ansehen. Was heißt reflektieren? Es heißt erstens, dass man von einem „Gegenstand“ seines Interesses zurücktritt und sich besinnt, was einen eigentlich motiviert, sich diesem Gegenstand zuzuwenden; zweitens, dass man sich über die Bedingungen verständigt, unter denen man das tut, und drittens, dass man sich in einem seiner argumentativen Mittel zu versichern sucht, „besonders auch im Hinblick auf praktische Fragen und ethische Probleme“ [11] Mit Reflexion wird also umschrieben, wie das geht, sich seines (eigenen) Verstandes zu bedienen.
Das Interesse an der Reflexion stammt aus dem Wunsch nach Mündigkeit, also nach Selbstständigkeit. Dieser Wunsch erwacht oder kann erneut in einer Krise erwachen, wenn die bis dahin praktizierte Lebensweise einen zu stark bedrückt. Dass man den Gang aus der Unmündigkeit nicht gut allein tun kann, hat Kant gewusst. Das Gespräch, im engen oder weiten Sinn, ist jedenfalls der „Ort“, wo Reflexion gepflegt werden kann. [12]
Anmerkungen
[1] In: Grenzenbeschreibung. Gespräche mit Philosophen. Hrsg. von Joachim Schickel. Felix Meiner 1980, S. 26.
[2] Die Vorsokratiker. Auswahl der Fragmente, Übersetzung und Erläuterungen von Jaap Mansfeld. Bd. I. Philipp Reclam: Stuttgart 1983, S. 223; es gibt dort weitere ähnliche Fragmente.
[3] Heine, Heinrich: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. 1833/34, Ende des zweiten Buches. Eindrucksvoll „erzählt“ er dort den Lebenslauf und den durch Kants Denken verursachten Tod des Gottes Jehova. - Den eher persönlich-moralischen Aspekt der Befreiung zeigt Nietzsche, wenn er fragt: „Was ist das Siegel der erreichten Freiheit?“ (Die Fröhliche Wissenschaft, Nr. 275) Seine Antwort lautet: „Sich nicht mehr vor sich selber schämen.“ Frei werden heißt, aus dem Schatten des toten Gottes der Moral und der Schuld herauszutreten.
[4] Die Vorsokratiker. A.a.O., S. 225.
[5] Havel, Václav: Versuch, in der Wahrheit zu leben. rowohlt: Reinbek 2000 (u.ö.), S. 24. Man kann die kommunistischen Phrasen auch durch andere ersetzen, solange sie ideologischen Charakter besitzen. Günther Anders hat zu zeigen versucht, wie sich ähnliche Probleme unter anderen Vorzeichen in der industriellen Kultur des „Westens“ ergeben (Die Antiquiertheit des Menschen. Zweiter Band. C.H. Beck: München 1980). Wenn man den Begriff der Ideologie weit fasst, ist er sogar geeignet, wirtschaftstheoretische Überzeugungen zu erfassen. - Der Begriff der Ideologie ist nach 1989 bzw. dem Ende der Sowjetunion nicht mehr in Mode, aber die Problematik damit nicht erledigt (Boudon, Raymond: Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffgs. rowohlts enzyklopädie: Reinbek 1988).
[6] Das Taschenbuch, das 1967 im Furche-Verlag erschien (Stundenbuch 72), ist die gekürzte Fassung eines zuvor bei Klett erschienenen Buches, dessen Titel ich nicht kenne.
[7] Zwei Fragen müssten gesondert diskutiert werden: Ob dem Menschen jede Wahrheit zumutbar ist und wer welche Wahrheit (nicht) verstehen, also nicht von seiner Täuschung lassen kann.
[8] In einem Interview sagte die Tänzerin Astrid Endruweit, die Erkenntnis habe sie weitergebracht, „wie und warum ich mich in einen bestimmten Männertyp verliebte und was ich für Liebe hielt“. Und dann das Fazit, auf das es mir ankommt: „Wenn man solche Muster erkennt, ist das produktiv.“ (SZ 22.08.03, S. 14)
[9] Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)
[10] Bollnow, Otto Friedrich: Philosophie der Erkenntnis. Erster Teil: Das Vorverständnis und die Erfahrung des Neuen. W. Kohlhammer: 2. Auflage 1981, S. 100 (vgl. insgesamt das VI. Kapitel, S. 82 ff.).
[11] Herbert Schnädelbach im Gespräch mit Joachim Schickel und Joachim Thiele, in: Grenzenbeschreibung. A.a.O., S. 152 (151 f.)
[12] Das bedeutet, dass „Gnosis“ als der Wunsch nach endgültiger Überwindung aller Täuschungen über unsere Möglichkeiten hinausgeht: „Entweder gibt es keine Götter, oder sie müssten in den Scherben gesucht werden, die übrig bleiben, wenn alles zerschlagen ist, was die Menschen zerschlagen können.“(aus den Aufzeichnungen des einarmigen Schreibers, in Gyllensten, Lars: Kains Memoiren. Suhrkamp 1968, S. 91) Aber im Gespräch zerschlägt man nichts. - Vgl. auch Lessings Aufsatz „Über die Wahrheit“!