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  • Bertrand Russell: Probleme der Philosophie

    B. Russell: Probleme der Philosophie (es 207, 1967 – englisch: The Problems of Philosophy, 1912, übersetzt von Eberhard Bubser) - Referat

    1  Erscheinung und Wirklichkeit

    Elementar ist die Unterscheidung zwischen Erscheinung und Wirklichkeit eines Dings: Der wirkliche Tisch "muß etwas sein, das aus dem uns unmittelbar Bekannten erschlossen worden ist" (S. 13); er erscheint uns in verschiedenen Gestalten.

    Definition: Sinnesdaten, Empfindung

    Frage: Welche Beziehung besteht zwischen den Sinnesdaten und dem wirklichen Tisch (materieller Gegenstand)?

    Berkeley: Der wirkliche Tisch ist eine Vorstellung im Bewusstsein Gottes (Position des Idealismus).

    2  Die Existenz der Materie

    Bei systematischem Zweifel bleibt als letzte Gewissheit die Erkenntnis unserer eigenen Erlebnisse. Die Tatsache, dass verschiedene Leute ähnliche Sinnesdaten haben, lässt sich am einfachsten durch die Existenz einer realen Welt erklären; diese Annahme vereinfacht die Erklärung unserer Erlebnisse, auch wenn sie nicht schlüssig bewiesen ist.

    3  Die Natur der Materie

    Auf die Frage, was der wirkliche Tisch ist, antwortet die Physik. Sie schreibt der Materie zwei Fähigkeiten zu: Orte im Raum einzunehmen und sich entsprechend den Gesetzen der Dynamik zu bewegen.

    Der wirkliche Raum ist allgemein zugänglich, der erscheinende Raum ist Privatbesitz jedes einzelnen. In der Hauptsache bestimmen die räumlichen Beziehungen zwischen dem Gegenstand und unserem Körper, welche Empfindungen der Gegenstand (beim Tasten usw.) bei uns auslöst.

    Die Beziehungen zwischen physikalischen Gegenständen haben viele Arten erkennbarer Eigenschaften; aber das innere Wesen der physikalischen Gegenstände bleibt unerkannt.

    4  Der Idealismus

    nimmt an, dass alles, was existiert, "in irgendeinem Sinne ‚geistig', bewußtseinsähnlich (mental) sein müsse" (S. 35).

    Referat der Gedanken Berkeleys (esse est percipi): Letztlich haben wir teil an den Wahrnehmungen Gottes. – Russells unterscheidet in seiner Kritik daran das, dessen wir uns bewusst sein, von dem Bewusstseinsakt selbst; Berkeley sei nur durch die Äquivokation von "Bewusstseinsakt" (also ohne Russells Unterscheidung zu beachten) zum Schluss gekommen, "daß alles, was wir bewußtseinsmäßig erfassen können, im Bewußtsein sein muß" (S. 39).

    Können wir wissen, ob etwas existiert, was wir nicht kennen? Das ist anzunehmen, da wir vieles nicht durch Bekanntschaft damit, sondern durch seine Beschreibung kennen (z.B. die Existenz des Kaisers von China im Jahr 1912).

    5  Erkenntnisformen: Bekanntschaft und Beschreibung

    Wir haben Bekanntschaft von etwas, wenn es uns unmittelbar bewusst ist. Bekannt sind uns

    ·      die Sinnesdaten

    ·      das im Gedächtnis Präsente

    ·      das durch Introspektion Bekannte

    ·      das Ich selbst (als Subjekt des Erlebens)

    ·      die Universalien (die Begriffe: Schwärze, Verschiedenheit usw.)

    Beschreibungen sind Ausdrücke der Form "ein so-und-so" (mehrdeutige B.) oder "der/die/das so-und-so" (eindeutige B.). Russel will sich im Folgenden auf eindeutige Beschreibungen beschränken; Namen sind meist Beschreibungen. Auch wenn Beschreibungen variieren, wissen wir, dass der beschriebene "Satz" (etwa propositio) unverändert bleibt. Die Erkenntnis durch Beschreibung macht es uns möglich, die Grenzen unserer persönlichen Erfahrung zu überschreiten.

    Prinzip: "Jeder Satz, den wir verstehen können, muß vollständig aus Bestandteilen zusammengesetzt sein, die uns bekannt sind." (S. 53)

    6  Über Induktion

    Dürfen wir aus dem uns Bekannten Schlüsse auf Unbekanntes ziehen? Für solche Schlüsse stützen wir uns auf die Erwartung einer Gleichförmigkeit von Ereignissen, welche auch die Tieren besitzen.

    Das Induktionsprinzip stützt solche Erwartungen; es besagt,

    ·      dass es um so wahrscheinlicher ist, dass A mit B zusammen auftritt, je größer die Zahl der Fälle ist, in denen A und B zusammen (und nie allein) aufgetreten sind,

    ·      und dass sich diese Wahrscheinlichkeit bei einer hinreichend großen Anzahl von Fällen der Gewissheit annähert.

    Das Induktionsprinzip kann durch einen Appell an die Erfahrung weder bewiesen noch widerlegt werden. Unser ganzes Verhalten beruht auf seiner Gültigkeit. Auch die allgemeinen Prinzipien der Wissenschaft sind vom Induktionsprinzip abhängig.

    7  Unsere Erkenntnis allgemeiner Prinzipien

    Wir können ein unbezweifelbares Wissen haben, das nicht auf Sinnesdaten zurückgeht. Elementar sind dabei

    ·      der Satz der Identität,

    ·      der Satz vom Widerspruch,

    ·      der Satz vom ausgeschlossenen Dritten.

    Man nennt sie oft Denkgesetze, aber das führt in die Irre (s.u.); aber wir denken richtig, wenn wir in Übereinstimmung mit ihnen denken.

    Apriorisches Wissen kann nicht aufgrund von Erfahrung bewiesen werden, wird aber in uns durch Erfahrung hervorgerufen.

    Man kann jedoch nicht wissen, dass etwas existiert, wenn es einem die Erfahrung nicht sagt.

    Auch was an sich erstrebens- und wünschenswert ist, gehört zum apriorischen Wissen, ebenso die reine Mathematik und die Geometrie.

    Zum Verhältnis Deduktion-Induktion: Bei apriorisch erkannten allgemeinen Sätzen ist die Deduktion die angemessene Form des Schließens, bei empirischen Verallgemeinerungen ("Alle Menschen sin sterblich.") ist die Induktion vorzuziehen (von den Menschen ausgehen, die man als gestorben kennt, und dann auf Sokrates schließen, statt vom verallgemeinerten Satz ausgehen).

    8  Wie apriorische Erkenntnis möglich ist

    Kant hat als erster gesehen, dass apriorisches Wissen nicht analytisch sein muss, sondern auch synthetisch sein kann (Kausalitätsprinzip, Sätze der Arithmetik usw.).

    Nach Kant steuern wir selber unser apriorisches Wissen über Raum, Zeit, Kausalität und Vergleiche zur Erkenntnis bei, während das Rohmaterial der Empfindungen von unseren Sinnen wahrgenommen wird; wir erzeugen damit das Phänomenon, während das Ding an sich uns nicht zugänglich ist.

    Russells wichtigster Einwand: Wenn Logik und Arithmetik unsere Zutat zu den Phänomenen wäre, erklärte das nichts; denn wir resp. unsere Natur gehört zu den veränderlichen Dingen der realen Welt, damit könnte sich das apriorische Wissen morgen ändern. Der Geltungsbereich apriorischer Sätze wird von Kant unzulässig eingeschränkt! In Wahrheit ist der Satz vom Widerspruch kein Denkgesetz, sondern betrifft die Dinge selbst.

    Es hat den Anschein, dass unsere apriorische Erkenntnis es mit Dingen zu tun hat, "die nicht eigentlich existieren, (...) die wir durch Redeteile bezeichnen können, die keine Substantive sind, so etwas wie Eigenschaften und Beziehungen" (S. 79). Den Beziehungen müssen wir eine Welt einräumen, die weder die Welt des Bewusstseins noch die Außenwelt ist.

    9  Die Welt der Universalien

    Platon hat sich mit dem apriorisch Existierenden befasst und es "Idee" oder "Form" genannt: was primär weder in den Dingen noch in unserem Geist, sondern davon unabhängig ist, und eine Welt der Ideen angenommen. Russell zieht den Begriff Universale dem Wort "Idee" vor: etwas, was den partikularen Dingen gemeinsam ist (Schwärze vs. schwarze Gegenstände). Eigennamen stehen für Partikulares; die Substantive, Adjektive, Verben und Präpositionen stehen für Universalien. Es lässt sich kein Satz bilden, in dem nicht mindestens ein Wort ein Universale bezeichnet.

    In der Philosophiegeschichte hat man meistens nur die Substantive und Adjektive (die Qualitäten) als Universalien betrachtet und darüber die Relationen als Universalien übersehen – mit schlimmen philosophischen Folgen (u.a. dem Monismus, der Monadologie und der Meinung, in jedem Satz werde einem Einzelding eine Eigenschaft zugeschrieben).

    Wo sind die Universalien? Sie sind unabhängig davon, ob sie gedacht werden; sie gehören zu jener Welt, "die das Denken zwar erfaßt, aber nicht erschafft" (S. 87). Es gibt keinen Zeitpunkt und keinen Ort, wo man z.B. die Beziehung "nördlich von..." finden könnte. Die Universalien "existieren" also; man sagt besser, "daß sie subsistieren oder Sein haben, wobei ‚Sein' im Gegensatz zu ‚Existenz' zeitlos [und ortlos, N.T.] gemeint ist" (S. 88).

    10  Unsere Erkenntnis von Universalien

    Über die Erkenntnis von Universalien durch Bekanntschaft (vs. durch Intuition, s. Kap. 11): Auf diese Art erkennen wir Sinnesqualitäten; räumliche, zeitliche und Ähnlichkeitsbeziehungen sowie Beziehungen zwischen Beziehungen (z.B. ‚größer als...').

    "Apriorische Erkenntnis hat es ausschließlich mit Beziehungen zwischen Universalien zu tun." (S. 92) Als Beispiel führt Russell 2 x 2 = 4 an; die Anwendung auf konkrete Einzelfälle setzt dagegen Erfahrung voraus (empirische Kenntnis der vier Gegenstände oder Personen); dass alle Menschen sterblich sind, sei keine apriorische Erkenntnis.

    Zwei Beobachtungen über allgemeine apriorische Sätze: a) Manchmal kommt man durch Induktion zu einer allgemeinen Aussage und erkennt erst nachträglich die entsprechende Verknüpfung der Universalien. b) Wir erkennen manchmal einen allgemeinen Satz, ohne einen der Gegenstände zu kennen, von denen der Satz gilt (z.B. von Zahlen an die noch niemand gedacht...).

    Zur Vorbereitung auf Kap. 11 gibt Russell einen Überblick über die Gegenstände unserer Erkenntnis (S. 96 f.):

    1 Erkenntnis von Dingen

    1.1 unmittelbare E. (Bekanntschaft)

    1.1.1 Partikuläres (Sinnesdaten, ich selbst)

    1.1.2 Universalien (Sinnesqualitäten, Beziehungen, einige log. Universalien)

    1.2 abgeleitete E. (Beschreibung), entsteht aus Bekanntschaft und Kenntnis von Wahrheiten

    2 Erkenntnis von Wahrheiten

    2.1 unmittelbare E. (evidente Wahrheiten, aus Intuition): Aussagen über Sinneswahrnehmungen, einige log. und arithmetische Prinzipien, einige ethische Aussagen

    2.2 abgeleitete E., entsteht aus evidenten Wahrheiten und entsprechender Deduktion.

    Man erkennt aus diesem Schema, dass Intuition für 1.2 und 2.2 konstitutiv ist und selbst 2.1 ausmacht.

    11  Intuitive Erkenntnis

    Es gibt Sätze, die unmittelbar einsichtig sind, ohne beweisbar zu sein; wir erkennen sie durch Intuition. Zu diesen Sätzen gehören einige allgemeine Prinzipien, ferner die Wahrnehmungswahrheiten (dass ein Sinnesdatum existiert; dass Bestandteile eines Sinnesdatums in einer bestimmten Beziehung stehen, z.B. Fleck-rund) und die Erinnerungsurteile; bei denen muss man jedoch mit der Möglichkeit der Gedächtnistäuschung rechnen.

    Es gibt Grade bzw. Abstufungen der Evidenz; im Zweifelsfall soll man den evidenteren Satz dem weniger evidenten vorziehen.

    Wahrscheinlich kann man absolute von relativer Evidenz als zwei Arten von Evidenz unterscheiden.

    12  Wahrheit und Falschheit

    Wahrheit und Falschheit gibt es nur bei Erkenntnis von Wahrheiten, nicht bei Bekanntschaft mit Dingen. Man muss die Möglichkeit von Falschheit zulassen, Wahrheit als Eigenschaft von Aussagen begreifen und sie von etwas außerhalb unserer Meinung (Aussage) abhängig machen.

    Klassisch ist die Auffassung, dass Wahrheit in einer Übereinstimmung zwischen Meinung und Tatsache besteht. Die alternative Kohärenztheorie der Wahrheit scheitert, weil es mehr als ein kohärentes System von Aussagen geben kann und weil die Gesetze der Logik nicht mehr durch Kohärenz getestet werden können, sondern den Test erst ermöglichen.

    Russell entfaltet die Theorie der Übereinstimmung dahin, dass er das Urteilen oder Meinen als eine Beziehung [... meint] zu einem Komplex auffasst ("Othello meint, dass Desdemona Cassio liebt.") Dieser Komplex ist seinerseits eine geordnete Beziehung mehrerer Bestandteile [Subjekt Desdemona – liebt – Akkusativobjekt Cassio], die er Tatsache nennt. "Urteilen, Glauben oder Meinen ist eine gewisse komplexe Einheit, zu deren Konstituentien ein Bewußtsein gehört; wenn die übrigen Konstituentien in der Anordnung, die sie im Urteil haben, eine komplexe Einheit bilden, ist das Urteil wahr; wenn sie keine komplexe Einheit [= Tatsache, N.T.] bilden, ist das Urteil falsch. Das Bewusstsein bringt Urteile hervor, kann sie aber nicht wahr machen.

    13  Wissen, Irrtum und Wahrscheinlichkeit

    Russell beginnt mit der Frage, was Wissen ist bzw. wie es sich von wahrer Meinung unterscheidet – die könnte ja aus einer falschen Meinung abgeleitet sein. Er plädiert dafür, nicht nach einer ganz präzisen Definition zu suchen, weil er sie nicht geben kann.

    Bei jeder komplexen Tatsache gibt es zwei Erkenntnismöglichkeiten, die vermittels eines Urteils und die vermittels Bekanntschaft mit der Tatsache; nur bei Bekanntschaft kann es absolute Evidenz geben, aber die ist bei vielen Tatsachen nur einem einzigen Individuum (ich fühle..., ich hasse...) zugänglich. Das durch Urteile zustande gekommene Wissen hat verschiedene Grade der Evidenz und damit der Glaubwürdigkeit.

    Bei wahrscheinlichen Meinungen ist die Kohärenz mit anderem Wissen oft ein brauchbares Kriterium der Wahrheit. Was nicht wahr ist, obwohl es fest geglaubt wird, ist ein Irrtum.

    14  Die Grenzen philosophischer Erkenntnis

    Diese Grenzen sind überschritten, wenn man durch apriorische Argumente die Erkenntnis des Universums oder die Existenz bzw. Nichtexistenz von etwas zu beweisen sucht. Russell diskutiert das am Beispiel von Hegels absoluter Idee und Kants Theorie von der Unwirklichkeit des Raumes. Hegel habe einen falschen Begriff vom Wesen eines Dinges (Verwechslung der Erkenntnis von Dingen und der Erkenntnis von Wahrheiten); Kant sei von der Unmöglichkeit unendlicher Mengen ausgegangen, was seit Georg Cantor widerlegt ist: Es gibt sogar viele mögliche Räume. Die Logik überlässt es der Erfahrung zu entscheiden, welcher Raum der wirkliche ist.

    Philosophische Erkenntnis unterscheidet sich nicht wesentlich von wissenschaftlicher Erkenntnis; es gibt keine besondere Quelle der Weisheit. Das Charakteristikum der Philosophie ist die Kritik; was nach genauerer Betrachtung noch als Wissen erscheint, lässt sie gelten. Sie vermindert die Gefahr des Irrtums – mehr ist nicht möglich in unserer Welt.

    15  Der Wert der Philosophie

    Der Wert der Philosophie besteht in ihrem "Einfluß auf das Leben derer, die sich mit ihr beschäftigen" (S. 135). Sie bringt Einheit und System in die Wissenschaften und prüft die Gründe unserer Überzeugungen und Vorurteile.

    Auch wenn sie die "ewigen" Fragen nicht beantworten kann, soll sie an diesen Fragen arbeiten und uns deren Bedeutung bewusst machen. Ihr Wert besteht "wesentlich in der Ungewißheit, die sie mit sich bringt" (S. 138), und in der Befreiung von engen und persönlichen Zwecken. Denn die philosophische Kontemplation "ist ein unparteiischer Blick auf das Ganze" (S. 139), er dient der Erweiterung unseres Selbst: als unvermischtes Verlangen nach Wahrheit, als Handeln in Gerechtigkeit, als Fühlen einer umfassenden Liebe.

  • Missglückte Apologie des christlichen Glaubens

     

    Der mir unbekannte Schauspieler Christian Ulmen (http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Ulmen) wird heute in der SZ (30. August 2012, S. 10) mit einer Bemerkung über Atheisten zitiert:

    1. Er finde es "fast dümmlich, nicht zu erkennen, dass der eigene Nichtglaube ja auch nur ein Glaube ist";

    2. Atheisten schrammten mit ihrem Anspruch auf ultimative Wahrheit "haarscharf" an der Haltung von Islamisten vorbei.

    Dazu ist Folgendes zu sagen:

    1. Nicht an Gott zu glauben ist kein Glaube. Da wird von Herrn Ulmen nicht verstanden, dass von Atheisten der ganze Satz "Ich glaube an Gott" oder "Ich glaube, dass es einen Gott gibt" negiert wird; das aber ist kein Glaube, sondern eine meinetwegen philosophische These. - Mit der Logik Ulmens [Wer nicht glaubt, glaubt auch ...] ließe sich aus dem Satz "Ich sehe da nichts" auch die Existenz eines Nichts begründen.

    2. Den Anspruch ultimativer Wahrheit von christlicher Seite den Atheisten vorzuwerfen ist ein grandioses Kunststück; denn das Christentum ist von Anfang an mit dem Anspruch ultimativer Wahrheit aufgetreten: "Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden." (Mk 16,16) Es steht Christen nicht gut an, anderen Menschen Fundamentalismus vorzuwerfen, auch wenn "Islamismus" derzeit ein prächtiges Schimpfwort ist.

    Im Übrigen frage ich mich, wieso Herr Ulmen mit solchen halbdurchdachten Äußerungen gegenüber der Bunten überhaupt in der SZ zitiert wird.

     

  • Fromms Imperativ

    Hans Julius Schneider hat als Imperativ der Fromm'schen Ethik vorgeschlagen:
    "Tu das, was du wollen würdest, wenn du ohne Angst wärst und deine wahren Bedürfnisse kenntest (und die Situation, d.h. die Handlungsmöglichkeiten richtig sehen würdest)." (http://www.erich-fromm.de/data/pdf/Schneider,%20H.%20J.,%202004.pdf, dort S. 10)

    Dazu möchte ich fragen: Wie kann ich, wenn ich Angst habe, wissen, was ich wollen würde, wenn ich ohne Angst wäre,
    und woher kann ich meine wahren Bedürfnisse kennen? Kann ich die nicht immer erst nachträglich erkennen: 'Das waren nicht deine wahren Bedürfnisse?'
    Und wie soll ich, wenn ich Angst habe, meine Handlungsmöglichkeiten richtig einschätzen können?

    Fazit: Ist der Fromm'sche Imperativ mehr als nur eine leere Worthülse, die zwar vielleicht "richtig", aber unerfüllt ist, ohne jeden praktischen Nutzen?

  • Lebensgeschichte verändert DNA

    Bemerkenswerter Bericht Christina Berndts in der SZ vom 7. März 2012: Fitness für das Erbgut

    Frau Berndt berichtet von Forschungen Juleen Zieraths, Wolfgang Fischles und Manel Estellers, dass sich Erfahrungen und Umwelteinflüsse im Erbgut niederschlagen. "Wissenschaftler haben inzwischen schon Spuren von Ernährung, Luftverschmutzung, Drogen, Stress und geistiger Anstrengung in epigenetischen Markierungen entdeckt." Auch die DNA eineiiger Zwillinge weicht im Lauf der Zeit stärker voneinander ab.

    Am besten informiert man sich unter den Namen der Forscher selber, z.B.

    http://ki.se/ki/jsp/polopoly.jsp?d=2766&l=en und http://ki.se/ki/jsp/polopoly.jsp?l=en&d=9428

    http://www.mpibpc.mpg.de/research/ags/fischle/ und http://www.mpibpc.mpg.de/english/research/ags/fischle/index.html

    http://epigenome.eu/de/4,17,956 und http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3174267/

  • Recht und Beschränktheit der eigenen Perspektive - Stefan Jerzy Zweig

    Anlass dieser Überlegungen ist ein Artikel in der SZ vom 25. Februar 2012 über das „Kind von Buchenwald“, Stefan Jerzy Zweig, genauer über einen Prozess vor dem Landgericht Berlin 2012 (http://www.sueddeutsche.de/politik/streit-um-buchenwald-gedenken-kz-ueberlebender-wehrt-sich-gegen-begriff-des-opfertauschs-1.1293326). Constanze von Bullion berichtet über das Urteil im Prozess Zweig gegen Knigge, den Leiter der Gedenkstätte Buchenwald. Es ging in diesem Prozess um das Recht Knigges, im Zusammenhang mit der Rettung Zweigs vor dem Transport nach Auschwitz von „Opfertausch“ zu sprechen: Damit der 3jährige Stefan Jerzy Zweig gerettet werden konnte, musste sein Name auf der Todesliste durch einen anderen ersetzt werden, und zwar durch den des 16jährigen Willy Blum. Zweig bestreitet Knigge das Recht, diesen Zusammenhang als Opfertausch zu bezeichnen. Der Richter drängte Knigge dazu, auf den Gebrauch des Wortes zu verzichten; er verletze einen Menschen wie Zweig damit, er solle für Zweig doch ein bisschen Empathie aufbringen.

    Dieser Streit ist ein Lehrstück von der Berechtigung und der Problematik der eigenen Perspektive. Im Lager Buchenwald gab es zunächst die Perspektive derer, die Zweig gerettet haben – sie sahen in ihm vermutlich ein Symbol des Widerstands gegen die Nazis. Bis 1990 dominierte die dem entsprechende DDR-Perspektive, die sich an Apitz’ Roman „Nackt unter Wölfen“ hielt; es war die Legende vom humanen Widerstand der Kommunisten gegen Hitler selbst im KZ - Bill Niven hat diese Legende zerstört. Es gibt daneben die Perspektive des geretteten Stefan Jerzy Zweig, der seinen Rettern nach wie vor dankbar ist. Es gibt aber auch die wissenschaftlich-neutrale Perspektive des Dr. Volkhard Knigge, der einfach den Vorgang des Austauschs des einen Opfers Zweig gegen das andere Opfer Blum beschreibt.

    Der Begriff „Opfertausch“ suggeriert nicht, wie der Richter des Kammergerichts Berlin meint, dass es die Opfer waren, die ihre Plätze tauschten: Autotausch, Büchertausch, Partnertausch, Rollentausch ... man tauscht Autos, Bücher, Partner, Rollen, das alles sind die Objekte des Tauschs, nicht die Subjekte. Der Richter versuchte mit seiner Intervention, der Perspektive Zweigs einen Vorrang vor der wissenschaftlich-neutralen Perspektive einzuräumen. Dieser Versuch ist verständlich, weil es um einen ehemaligen Häftling des KZ Buchenwald und sein Selbstverständnis geht; der Versuch ist aber insofern nicht gerecht, als in der wissenschaftlich-neutralen Perspektive auch die völlig unbeachtete Perspektive des ermordeten Willy Blum aufgehoben ist. Alle reden von Stefan Jerzy Zweig, dem Geretteten; der ermordete Willy Blum hat keinen Anwalt und keinen eigenen Eintrag im Internet. Aber ist ein 16jähriger Zigeuner weniger wert als ein 3jähriges jüdisches Kind?

    Welches Recht haben Menschen auf ihre eigene Perspektive und ihre eigene Sicht der Dinge? Wenn es um die Darstellung dessen geht, was wirklich geschehen ist, muss aus den vielen Perspektiven der Betroffenen (und unter Berücksichtigung aller Fakten und Funde) die wissenschaftliche Sicht des unbeteiligten Beobachters konstruiert werden. Wenn es um die Bewertung geht, wird man jedem seine eigene Sichtweise zubilligen; anderseits wird man auf die Menschenrechte und ähnliche Kataloge als Rahmen gültiger Bewertungen nicht verzichten können. Schwierig wird es, wenn es um Konsequenzen aus Bewertungen geht, die zu Entscheidungen und Handlungen führen; denn dann können nicht alle Perspektiven gleichermaßen berücksichtigt werden – man braucht Maßstäbe, nach denen zu beurteilen ist, was getan werden darf und was nicht.

    Die Betroffenheit Zweigs äußert sich in seinem Satz „Ich bin keine Legende.“ Nein, aber man hat über ihn Legenden erzählt. In der Besprechung von Bill Nivens Buch sagt Steffen Reichert zum Schluss: „Tief enttäuscht ist er [Zweig], dass nach 1990 sein Name von der Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald verschwand. Es ist ja seine Geschichte, sagt er, die nun vergessen werden soll. Aber eigentlich war es nie seine Geschichte, sondern nur ein Mythos, für den er von anderen instrumentalisiert worden war.“ (in: Jüdische Allgemeine, 30.04.2009: „Es war einmal in Buchenwald“) Und Cornelia Siebeck urteilte 2007 in einer Rezension des gleichen Buchs: „Nicht nur vor, sondern auch nach 1990 diente die Überlebensgeschichte Zweigs, der sich selber kaum an seine Haft in Buchenwald erinnern kann, in erster Linie der Illustration ‚richtiger’ oder ‚falscher’ Erinnerung an Buchenwald. Der Mensch Stefan Jerzy Zweig wurde zum Objekt deutscher Gedächtniskultur und ist an dieser Last offensichtlich zerbrochen.“

    Zur Vertiefung einige Links über das Kind von Buchenwald

    http://www.welt.de/print-welt/article626286/Das_Kind_von_Buchenwald.html

    http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/130419/index.html (Buch Bill Nivens)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Jerzy_Zweig

    http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-179

    http://www.youtube.com/watch?v=T4QNxdk2wwY

    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/742

    http://www.berlin.de/imperia/md/content/senatsverwaltungen/justiz/kammergericht/presse/27_o_832_10_urteil_vom_22.3.2011_landgericht_berlin_anonymisiert.pdf (Urteil 2011)

    Über Kinder in Buchenwald

    http://www.buchenwald.de/index.php?p=140 (mit Foto des Kindes St. Zweig)

    http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Die-Rettung-der-Kinder-von-Buchenwald-2104332420

  • Mit Fundamentalisten rational diskutieren?

    Hubert Schleichert hat ein Buch darüber geschrieben, wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Vorab: Ich glaube nicht, dass das möglich ist – es gibt zu viele undiskutierte Vorannahmen für ein "vernünftiges" Gespräch, die zumindest in einem normalen Gespräch nicht alle begründet werden können. Links zum Buch:
    http://www.irwish.de/Site/Biblio/Psychologie/Schleichert.htm (Auszüge)
    http://pantea2.wordpress.com/2008/03/15/warum-man-mit-fundamentalisten-nicht-diskutieren-sollte/ (kritischer Erfahrungsbericht)
    http://www.amazon.de/product-reviews/3406583784?pageNumber=3 (Amazon-Rezensionen)
    http://holgi.blogger.de/stories/1904013/ (kritisches Schema)
    Der Anlass dieser Zeilen ist ein Artikel, den Sebastian Herrmann am 1.2.2012 in der SZ unter der Überschrift "Wie man Starrköpfe überzeugt" veröffentlicht hat. Herrmann refereiert im Wesentlichen Einsichten der Forscher John Cook und Stephan Lewandowsky (The Debunking Handbook). Die Quintessenz des Aufsatzes bzw. besagten Handbuchs ist dies:
    1. Auch wenn Fehlinformationen korrigiert werden, wird die Korrektur bald wieder vergessen.
    2. Zu viele Informationen schaden der Aufklärung: Besser ein paar als viele Argumente vorbringen. ("Eine simpel gestrickte Legende ist kognitiv attraktiver als deren komplexe Widerlegung.")
    3. Die Aufforderung, die Argumente der Gegenseite in Betracht zu ziehen, führt dazu, dass an der eigenen Meinung verstärkt festgehalten wird.
    4. Die bloße Erwähnung eines Irrtums kann diesen festigen (das negative "Vorzeichen" wird quasi gelöscht).
    5. Was das Verständnis fördert (etwa eine saubere Handschrift!), erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass etwas als wahr gilt.
    6. Statt mit Fundamentalisten gibt man sich besser mit solchen ab, deren Meinungen weniger zementiert sind.
    7. Wenn man es jemandem ermöglicht, sich positiv darzustellen, ist dessen Abwehr vernünftiger Argumente weniger stark.
    8. Man tut gut daran, ideologisch abgelehnte Begriffe durch andere zu ersetzen ("Kohlendioxid-Ausgleich" statt "Klimawandel-Steuer").
    9. Wenn man einen Mythos entlarvt, hinterlässt man einen Lücke im Geist des Gesprächspartners; diese Lücke muss gefüllt werden. (Vgl. Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 108 = http://www.textlog.de/21283.html)
    10. "Die Evidenz lässt vermuten, dass populäre Mythen Einfluss behalten werden – egal, wie oft und energisch man diese Irrtümer korrigiert."

    Vgl. jetzt auch http://norberto42.wordpress.com/2012/02/06/h-schleichert-wie-man-mit-fundamentalisten-diskutiert-besprechung/

  • Verständliche Philosophie

    Eher zufällig bin ich auf sechs Aufsätze Peter Bieris in der ZEIT gestoßen, in den elementare philosophische Fragean aufverständliche Weise bedacht werden:

    http://www.zeit.de/2007/24/Peter-Bieri Wie wollen wir leben?

    http://www.zeit.de/2007/27/Peter-Bieri Warum ist Selbsterkenntnis wertvoll?

    http://www.zeit.de/2007/32/Peter-Bieri Wie wäre es, gebildet zu sein?

    http://www.zeit.de/2007/36/Peter-Bieri-4 Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel?

    http://www.zeit.de/2007/44/Peter-Bieri-5 Was macht uns zu Personen?

    http://www.zeit.de/2007/52/Peter-Bieri-6 Was macht die Sprache mit uns?

    Ferner: Unser Wille ist frei (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,336006,00.html)

    Es lohnt sich, die Aufsätze zu lesen!

  • Über das Ich

    Albert Newen sagt, "dass zum Ich die folgenden wesentlichen Merkmale gehören:
    1. die Selbsterfahrung der eigenen Körperteile als zu mir gehörig,
    2. das Gefühl, Urheber der eigenen Handlungen zu sein,
    3. die Erfahrung einer räumlichen Perspektive mit dem Ich als Zentrum,
    4. das Sich-selbst-Erkennen als Objekt im Spiegel sowie
    5. die kognitive Perspektive mit der Fähigkeit, eigenes Wissen von dem anderer Personen zu unterscheiden und sich in andere hineinzuversetzen."
    (Kurzer Auszug aus Albert Newen: Wer bin ich? http://www.spektrum.de/alias/philosophie/wer-bin-ich/1063967)

  • G. Litsche: Erkenntnistheorie, Anthropologie


    Ich möchte auf ein sehr systematisch aufgebautes Blog hinweisen, das der pensionierte Biologielehrer Dr. Georg A. Litsche (Berlin) unter dem Namen "Subjekte" betreibt: http://www.subjekte.de/

    Herr Litsche hat Jahre und Jahrzehnte an den Texten gearbeitet und und eine materialistisch-wissenschaftliche Erkenntnistheorie und Anthropologie ausgearbeitet, in der Ost- und Westwissenschaftler zu Wort kommen. Die einzelnen Abschnitte sind überschaubar, werden durch Querverweise (Links) miteinander verbunden bzw. folgen aufeinander. Er hat auch neben alten Texten drei Teilprojekte angepackt: Paradigma, Biogenese, Systeme. Es lohnt sich, mehr als einen Blick auf dieses Blog zu werfen.

    Wenn es ernst wird, lässt Litsche renommierte Wissenschaftler mit zentralen Aussagen selber zu Wort kommen: ein Lebenswerk, an dem der alte Herr immer noch arbeitet.

     

  • Gotthard Günthers dreiwertige Logik

    Es gibt im Netz eine populäre Darstellung der Grundgedanken Gotthard Günthers:
    http://www.philognosie.net/index.php/course/courseview/83/
    Diese Darstellung Petra Sütterlins ist jedoch so krude und voll gedanklich-sprachlicher Schlampereien, dass sie sich allenfalls für deren beispielhafte Analyse eignet.
    Günthers Erbe wird auf der Seite http://www.vordenker.de/ggphilosophy/gg_bibliographie.htm verwaltet. Im Wikipediaartikel über Günther bekommt man bessere Hinweise, vor allem auf die Seite Vordenker und eine Arbeit Kaehrs und Mahlers (pdf-Datei).
    Sütterlins verquastes Denken stammt vielleicht aus ihrer Nähe zu Michael D. Eschner und der Thelema Society.

    Petra Sütterlin hat ihren online-Kurs unter dem Titel "Dimensionen des Denkens" als Buch (on demand) herausgegeben, ohne dass er dadurch klarer würde - wenn man Gedrucktes lesen kann, sieht man nur die Unklarheiten schärfer. Es empfiehlt sich, das Buch nicht zu kaufen.
    Wie Günthers Gedanken verständlich angewwendet werden, sieht man zum Beispiel in einer Datei über Probleme des Managements und der Beratung.

    Ein Einführung in Günthers Denken bieten der große Aufsatz Goldammers
    in diesem Sammelband (S. 25 ff.) sowie  http://www.thinkartlab.com/pkl/media/rezgunth.htm (Castella: Die Monographien Günthers) und
    http://www.cnlpa.de/presse/grenzgang.html (Castella: Einführung in GG)

    P.S. Der Begriff der dreiwertigen Logik ist gebäuchlich, aber falsch, wie E. von Goldammer gezeigt hat: "Es lässt sich zeigen, dass ein mehrstelliges Logiksystem aus Kontexturen mit jeweils zwei lokalen Werten (T und F) mindestens vier logische Orte (Standpunkte) und damit vier globale Werte benötigt.20 Man kann sich das bereits an dem hier gewählten Beispiel klarmachen. Es muss eine Möglichkeit geben, die gesamte Situation, wie sie durch die Proemialrelation gegeben ist, zu rejektieren, um sich damit einer anderen Thematik zuwenden zu können. Im einfachsten praktischen Fall könnte anstelle der grauen Farbe, die im vorliegenden Beispiel ja nichts anderes als eine Verschmutzung (Rau- schen) darstellt, ein brauner (Kaffee-)Fleck vorhanden sein und dieser ist weder grau noch schwarz. Mit anderen Worten: Über den vierten Wert besteht die Möglichkeit in beliebig andere Sachzusammenhänge vorzustoßen."

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