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  • Nietzsche: Intellektuelle Redlichkeit

    (Intellektuelle) Redlichkeit bei Nietzsche

     

    An der ersten zu nennenden Stelle umschreibt Nietzsche "Redlichkeit" als Wahrheit-Suchen, in Abgrenzung von der früheren Überzeugung (zur Zeit der Reformation), "daß man die Wahrheit, in der Kirche, habe und um jeden Preis mit jedem Opfer zum Heile der Menschheit bewahren müsse. Jetzt aber gibt man niemandem so leicht mehr zu, daß er die Wahrheit habe: die strengen Methoden der Forschung haben genug Mißtrauen und Vorsicht verbreitet, so daß jeder, welcher gewalttätig in Wort und Werk Meinungen vertritt, als ein Feind unserer jetzigen Kultur, mindestens als ein Zurückgebliebener empfunden wird. In der Tat: das Pathos, daß man die Wahrheit habe, gilt jetzt sehr wenig im Verhältnis zu jenem freilich milderen und klangloseren Pathos des Wahrheit-Suchens, welches nicht müde wird, umzulernen und neu zu prüfen." (Menschliches, Allzumenschliches, 1878, I 633)

    Der Begriff "Redlichkeit" taucht zum ersten Mal nebenher in einem fiktiven Gespräch zwischen A und B über Musik (Morgenröte, 1881, 255) auf: "A: [...] Was für ein Kenner der Seele er ist! Er gebietet mit den Künsten eines Volksredners über uns. – Aber die Musik verstummt! – B: Und gut, daß sie es tut! Denn ich kann es nicht mehr ertragen, Sie zu hören! Zehnmal lieber will ich doch mich täuschen lassen, als einmal in Ihrer Art die Wahrheit zu wissen! – A: Dies ist es, was ich von Ihnen hören wollte. So wie Sie sind die Besten jetzt: ihr seid zufrieden damit, euch täuschen zu lassen! Ihr kommt mit groben und lüsternen Ohren, ihr bringt das Gewissen der Kunst zum Hören nicht mit, ihr habt euere feinste Redlichkeit unterwegs weggeworfen! Und damit verderbt ihr die Kunst und die Künstler! [...]" – Es wird unterschieden zwischen dem Wunsch oder der Bereitschaft, sich täuschen zu lassen, und der Redlichkeit, also dem Grundsatz, sich nicht täuschen zu lassen und nicht zu täuschen.

    Im gleichen Buch gibt es den Aphorismus 370:

    "Inwiefern der Denker seinen Feind liebt. – Nie etwas zurückhalten oder dir verschweigen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden kann! Gelobe es dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du mußt jeden Tag auch deinen Feldzug gegen dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit, – aber auch deine Niederlage ist nicht mehr deine Angelegenheit!" Hier wird ausdrücklich die Redlichkeit des Denkens genannt, als unbedingt geltendes Prinzip und Postulat ("Gelobe es dir!"): Redlichkeit steht gegen das Bestreben, recht zu haben – sie ist das Pathos des Wahrheit-Suchens (s.o.).

    Im 5. Buch der "Morgenröte" (1881) werden die Motive der Unredlichen enthüllt, die auf einer niederen Stufe der Wahrhaftigkeit stehen, womit eine Entwicklung der Wahrhaftigkeit gedacht wird (Aphorismus 456): Bestimmte Sätze der antiken Philosophen oder des Christentums "sind nie mit voller Redlichkeit und doch immer ohne schlechtes Gewissen gemacht worden: man stellte solche Sätze, deren Wahrheit man sehr wünschte, keck als die Wahrheit gegen den Augenschein auf, und empfand dabei nicht einen religiösen oder moralischen Gewissensbiß – denn man war in honorem majorem [= zur größeren Ehre, N.T.] der Tugend oder Gottes über die Wirklichkeit hinausgegangen und ohne alle eigennützigen Absichten! Auf dieser Stufe der Wahrhaftigkeit stehen noch viele brave Menschen: wenn sie sich selbstlos fühlen, scheint es ihnen erlaubt, es mit der Wahrheit leichter zu nehmen. Man beachte doch, daß weder unter den sokratischen noch unter den christlichen Tugenden die Redlichkeit vorkommt: diese ist eine der jüngsten Tugenden, noch wenig gereift, noch oft verwechselt und verkannt, ihrer selber noch kaum bewußt, – etwas Werdendes, das wir fördern oder hemmen können, je nachdem unser Sinn steht."

    Im gleichen Buch (Aphorismus 482) werden die guten Männer gelobt, deren Umgang man suchen soll: Sie sind "zu ernst in ihrer Leidenschaft der Erkenntnis und der Redlichkeit, als daß sie noch Zeit und Gefälligkeit für den Ruhm hätten? – Solche Männer würden wir Philosophen nennen; und sie selber werden immer noch einen bescheidenern Namen finden."

    Ein neuer Aspekt taucht in "Die fröhliche Wissenschaft" (1882, Aphorismus 107) auf: Redlichkeit im Zusammenhang mit den Bedingungen des Lebens und der Notwendigkeit der Kunst – die täuschende Kunst als Gegenmacht der Redlichkeit, welche allerdings ohne die Kunst nicht durchzuhalten, nicht zu ertragen wäre:

    "Unsere letzte Dankbarkeit gegen die Kunst. – Hätten wir nicht die Künste gutgeheißen und diese Art von Kultus des Unwahren erfunden: so wäre die Einsicht in die allgemeine Unwahrheit und Verlogenheit, die uns jetzt durch die Wissenschaft gegeben wird – die Einsicht in den Wahn und Irrtum als in eine Bedingung des erkennenden und empfindenden Daseins –, gar nicht auszuhalten. Die Redlichkeit würde den Ekel und den Selbstmord im Gefolge haben. Nun aber hat unsere Redlichkeit eine Gegenmacht, die uns solchen Konsequenzen ausweichen hilft: die Kunst, als den guten Willen zum Scheine. Wir verwehren es unserm Auge nicht immer, auszurunden, zu Ende zu dichten: und dann ist es nicht mehr die ewige Unvollkommenheit, die wir über den Fluß des Werdens tragen – dann meinen wir eine Göttin zu tragen und sind stolz und kindlich in dieser Dienstleistung. [...] Wir müssen zeitweilig von uns ausruhen, dadurch, daß wir auf uns hin und hinab sehen und, aus einer künstlerischen Ferne her, über uns lachen oder über uns weinen: wir müssen den Helden und ebenso den Narren entdecken, der in unsrer Leidenschaft der Erkenntnis steckt, wir müssen unsrer Torheit ab und zu froh werden, um unsrer Weisheit froh bleiben zu können! [...]" Am besten liest man diesen Aphorismus ganz, weil hier zum ersten Mal die Redlichkeit der Erkenntnis mit der Einsicht in die Eigenart des Lebens zusammen gedacht wird. Die Kunst verleihe uns außerdem die Leichtigkeit, selbst über der Moral zu stehen und nicht "zu tugendhaften Ungeheuern und Vogelscheuchen zu werden". Das wird auch im Aphorismus 159 im gleichen Buch deutlich (s. auch unten, "Jenseits von Gut und Böse"!).

    In dem großen Aphorismus 335, den man am besten mehrfach ganz liest, bringt Nietzsche der Begriff der Redlichkeit in einen Zusammenhang mit der Destruktion einer allgemein gültigen Moral und der Berufung auf das Gewissen: a) Die Berufung auf das Gewissen sei unkritisch, naiv, b) allgemeine gültige Vorschriften könne nur derjenige annehmen, welcher die Welt und die Menschen nicht sorgfältig genug beobachtet und deshalb nicht die feinen Unterschiede bemerkt. So fragt Nietzsche denjenigen, der sich auf sein Gewissen als Erkenntnisquelle des Guten beruft: "Aber warum hörst du auf die Sprache deines Gewissens? Und inwiefern hast du ein Recht, ein solches Urteil als wahr und untrüglich anzusehen? Für diesen Glauben – gibt es da kein Gewissen mehr? Weißt du nichts von einem intellektuellen Gewissen? Einem Gewissen hinter deinem »Gewissen«? Dein Urteil »so ist es recht« hat eine Vorgeschichte in deinen Trieben, Neigungen, Abneigungen, Erfahrungen und Nicht-Erfahrungen; »wie ist es da entstanden?« mußt du fragen, und hinterher noch: »was treibt mich eigentlich, ihm Gehör zu schenken?«" Hier ist der Begriff "intellektuelles Gewissen" eingeführt worden. [Die Denkfigur vom Gewissen hinter dem Gewissen nimmt Günther Anders in seiner Parabel "Der gewissenhafte Nihilist", 1946, auf.] Gegen die vielen Ewiggestrigen, die allermeisten, grenzt er sich voller Pathos ab: "Wir aber wollen die werden, die wir sind – die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Und dazu müssen wir die besten Lerner und Entdecker alles Gesetzlichen und Notwendigen in der Welt werden: wir müssen Physiker sein, um in jenem Sinne Schöpfer sein zu können – während bisher alle Wertschätzungen und Ideale auf Unkenntnis der Physik oder im Widerspruche mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! Und höher noch das, was uns zu ihr zwingt – unsere Redlichkeit!" Hier ist "die Physik" natürlich eine Metapher für das sorgfältige Beobachten: "Beschränken wir uns also auf die Reinigung unserer Meinungen und Wertschätzungen und auf die Schöpfung neuer eigener Gütertafeln – über den »moralischen Wert unserer Handlungen« aber wollen wir nicht mehr grübeln!" Dieses letzte Zitat zeigt eine Ungereimtheit in Nietzsches Denken auf; denn die Schöpfung neuer Gütertafeln begründet wiederum eine neue "Moral", weil sie neue Maßstäbe setzt und damit auch anzulegen ermöglicht.

    In "Also sprach Zarathustra" (1883) spricht Zarathustra in seiner dritten Rede ("Von den Hinterweltlern") mehrfach das Wort "redlich" aus:

    • Das Ich auf dem richtigen Wege, also heraus aus der Hinterwelt, lernt immer redlicher zu reden, "und je mehr es lernt, um so mehr findet es Worte und Ehren für Leib und Erde";
    • das krankhafte Volk hasst den Erkennenden "und jene jüngste der Tugenden, welche heißt: Redlichkeit".
    • "Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommene und rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde."

    In diesem Aphorismus taucht das Adjektiv "redlich" noch öfter auf, aber es bleibt im Bildbereich des Aufbruchs aus der Hinterwelt.

    Als Zarathustra und der von ihm versehentlich getretene Mann ("Der Blutegel", im 4. Teil, 1885) ins Gespräch kommen, stellt der Getretene sich vor: "»Ich bin der Gewissenhafte des Geistes«, antwortete der Gefragte, »und in Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht einer strenger, enger und härter als ich, ausgenommen der, von dem ich's lernte, Zarathustra selber.

    Lieber nichts wissen, als vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf eigne Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken! [...]

    Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, daß ich eins weiß und sonst alles nicht weiß: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.

    Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grausam, unerbittlich.

    Daß du einst sprachst, o Zarathustra: ›Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet‹, das führte und verführte mich zu deiner Lehre."

    Der Getretene, ein Schüler Zarathustras, umschreibt hier den Habitus des Redlichen, den er den Gewissenhaften des Geistes nennt.

    In "Jenseits von Gut und Böse" (1886) ruft Nietzsche in Aphorismus 227 dazu auf, sich in der Redlichkeit zu üben; vor allem warnt er zum Schluss: "Unsre Redlichkeit, wir freien Geister – sorgen wir dafür, daß sie nicht unsre Eitelkeit, unser Putz und Prunk, unsre Grenze, unsre Dummheit werde! Jede Tugend neigt zur Dummheit, jede Dummheit zur Tugend; »dumm bis zur Heiligkeit« sagt man in Rußland, – sorgen wir dafür, daß wir nicht aus Redlichkeit zuletzt noch zu Heiligen und Langweiligen werden!" Die intellektuelle Redlichkeit ist also nicht einfach gegeben, sondern muss immer wieder neu erworben und bewahrt werden. [In diesem Aphorismus spricht Nietzsche auch von ‚unserem' "nitimur in vetitum": Zitat aus Ovid, Amores: Wir trachten gern nach dem Verbotenen.; vgl. auch "Ecce Homo", Vorrede 3!]

    Fasst man die Ergebnisse zusammen, kann man "Redlichkeit" als einen Kampfbegriff ansehen, mit dem Nietzsche sich von anderen Philosophen abgrenzt; er spricht ihnen die Redlichkeit ab (ähnlich "Jenseits von Gut und Böse", Nr. 5).

     

    Ich habe mich hier der Einfachheit halber an Karl Schlechtas Werkausgabe und den zugehörigen Index gehalten; man könnte auch noch andere Begriffe untersuchen, um der intellektuellen Redlichkeit näherzukommen. Der erste Begriff, der mit dazu einfällt, ist "Wahrhaftigkeit" bzw. "wahrhaft"; auch "Gewissen" wäre zu prüfen.

     

    Über "Wahrhaftigkeit" spricht Nietzsche in zweifachem Sinn. So erklärt er die alte moralische Forderung, wahrhaftig zu sein, mit dem Bestreben, den Menschen in der "Herde" besser kontrollieren zu können ("Moral der Wahrhaftigkeit in der Herde", in: Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre).

    Er gebraucht "Wahrhaftigkeit" aber auch im Sinne von Redlichkeit. Im Nachlass er Achtzigerjahre spricht Nietzsche zwei- bzw. dreimal davon, wie es zur Ausbildung der Wahrhaftigkeit (Redlichkeit) gekommen ist: "Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die Wahrhaftigkeit: diese wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt ihre Teleologie, ihre interessierte Betrachtung – und jetzt wirkt die Einsicht in diese lange eingefleischte Verlogenheit, die man verzweifelt, von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir konstatieren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch die lange Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren erscheinen: andererseits sind es die, an denen der Wert zu hängen scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus – das, was wir erkennen, nicht zu schätzen und das, was wir uns vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu dürfen – ergibt einen Auflösungsprozeß." (Abschnitt 26)

    Und in Abschnitt 27 steht der große Aphorismus "Der Nihilismus steht vor der Tür"; dort erklärt er den Untergang des Christentums so: "Der Untergang des Christentums – an seiner Moral (die unablösbar ist –), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt Ekel vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung. Rückschlag von »Gott ist die Wahrheit« in den fanatischen Glauben »Alles ist falsch«. Buddhismus der Tat...)."

    Den gleichen Gedanken hatte er bereits beim Versuch, über Moral zu denken (Abschnitt 12), gefasst: "Eine Welt, die wir verehren können, die unserem anbetenden Triebe gemäß ist – die sich fortwährend beweist – durch Leitung des einzelnen und allgemeinen –: dies ist die christliche Anschauung, aus der wir alle stammen.

    Durch ein Wachstum an Schärfe, Mißtrauen, Wissenschaftlichkeit (auch durch einen höher gerichteten Instinkt der Wahrhaftigkeit, also unter wieder christlichen Einwirkungen) ist diese Interpretation uns immer mehr unerlaubt geworden."

  • Über intellektuelle Redlichkeit - Thomas Metzinger

    Heute habe ich einen bemerkenswerten Aufsatz (2013) gelesen, den man auch als Vortrag hören kann:

    http://www.philosophie.uni-mainz.de/Dateien/Metzinger_SIR_2013.pdf gleich

    http://oxnzeam.de/2013/03/24/spiritualitat-und-intellektuelle-redlichkeitualitat/ (Text 2013),

    http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/Metzinger_Berlin_2010.pdf (Slides des Vortrags 2010), als gesprochener Vortrag:

    http://www.youtube.com/watch?v=N1MBG7FaZKM (Teil 1)

    http://www.youtube.com/watch?v=tvb2SARH5_I (Teil 2)

    http://www.youtube.com/watch?v=2jpO0jjAAas (Teil 3)

    http://www.youtube.com/watch?v=01whxoB2dMw (Teil 4)

    http://www.youtube.com/watch?v=fh411EPPHnI (Teil 5)

    http://www.youtube.com/watch?v=ZMs1BfSv2IY (Teil 6)

    Metzinger vertritt darin drei Thesen:

    1) Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sonden Spiritualität.

    2) Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als einen Sonderfall der spirituellen Einstellung beschreiben.

    3) Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee.

    Zusammenfassung und Kritik des Aufsatzes Metzingers

    (Die Kritik wird kursiv rot gesetzt; Metzinger wird aus seiner Perspektive referiert, also ohne Konjunktiv.)

    Frage: Kann es ein modernes spirituelles Selbstverständnis geben, das mit dem Wunsch nach intellektueller Redlichkeit in Einklang zu bringen ist? ( S. 2)

    Bemerkungen zur Situation: a) die ökologische Krise,

    b) naturalistische Wende im Menschenbild (2 f.) – beides sachlich irrelevant

    (1) Was ist Spiritualität? (6 ff.)

    - die Bedeutungen von spiritualitas (6, sachlich irrelevant)

    - Nach 1945 hat sich eine spirituelle Gegenbewegung etabliert, die als formale Praxis das Alltagsleben transformieren soll (7).

    Spiritualität ist eine epistemische Einstellung der Person (7). Die erstrebte Erkenntnis hat es mit innerer Aufmerksamkeit, Körpererfahrung und Bewusstseinszuständen zu tun (8). Es geht um Bewusstheit als solche, jenseits der Erste-Person-Perspektive (8) – was soll das denn sein? Über ein solches Wissen gibt es jedoch keine Einigkeit; es ruft nach allgemeiner Überzeugung jedoch ethische Integrität hervor (8).

    Die spirituelle Einstellung ist eine Ethik des inneren Handelns um der Selbsterkenntnis willen. Unbestechlichkeit des Selbst ist der Kern der Spiritualität (9 f.).

    (2) Intellektuelle Redlichkeit (11 ff.)

    ist ein bedingungsloser Wille zur Wahrheit und Erkenntnis als Tugend (11). Sich eine Überzeugung zu eigen machen ist eine Handlung, die man verantworten muss (11).

    Auch in der Meditation geht es um die Erhöhung mentaler Autonomie (12 – Zusammenhang?)

    Das Streben nach intellektueller Integrität ist ein Sonderfall des Strebens nach moralischer Integrität (12). Integrität bedeutet: die Konflikte zwischen Werten und eigenem Handeln auflösen.

    Geschichte des Verständnisses der intellektuellen Redlichkeit:

    1) Für Locke war das Wissen-Wollen noch eine religiöse Pflicht (13). Unklarer Anschluss Kants!

    2) Für Kant ist die Lauterkeit der Absicht, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein, der Kern des Moralischen (14). Unredlichkeit ist im Grunde (?) eine Form von Unbewusstheit.

    3) Intellektuelle Redlichkeit ist nach Nietzsche das Gewissen hinter dem Gewissen (14).

    4) The Ethics of Belief – William K. Clifford: Man darf nichts ohne zureichende Beweise glauben, aber auch keine relevanten Beweise ignorieren oder abweisen (15, Evidentialismus).

    Der Fideismus (an einer Überzeugung ohne Gründe oder gegen gute Gegengründe festhalten) verrät die Ethik des inneren Handelns und das Prinzip der Selbstachtung (16); Fideismus ist der Standpunkt der organisierten Religion.

    Drei Beispiele (interessieren mich hier nicht als Sachfragen, sondern nur um des Prinzips willen):

    1) Existiert Gott? (17 ff.)

    Es gibt eine Evolution der Selbsttäuschung (19 f.); Intuitionen haben eine lange biologische Geschichte, es kann auch introspektive Illusionen geben (20).

    Die erschütternde Einsicht in die eigene Sterblichkeit wird durch Religion aufgefangen, das Selbstwertgefühl wird stabilisiert (20 f.). Ein Wahn, der subjektiv als Placebo das Leben erleichtert, kann insgesamt (sozial) aber durchaus bedrückend sein (21). – Es gibt eine Pflicht, die Mechanismen der Selbsttäuschung zu verstehen (22).

    2) Gibt es ein Leben nach dem Tod? (23 f.)

    Was Metzinger zur Meditation sagt, leidet an dem inneren Widerspruch, dass auch Meditation ein rein körperlicher Vorgang ist (23 f.). Wenn unser Gehirn nach Metzinger autonom, also ohne Leitung eines "Ich" arbeitet, ist auch alles Reden von Ethik und Pflicht ohne Sinn.

    Redlichkeit bedeutet, den Stand der Forschung zur Kenntnis zu nehmen (24).

    3) Die Idee der Erleuchtung (25 f.)

    Es ist nicht klar, was Erleuchtung ist. Die angebliche Erfahrung der Selbstauflösung ist ein innerer Widerspruch, da man davon nachher nicht mehr sprechen könnte (25). Die angebliche existenzielle Befreiung kann nur als Form des Erlebens, aber nicht inhaltlich erfasst werden (26).

    (3) Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit (27 ff.)

    Zuerst war die Religion da; aus dem Ideal der Aufrichtigkeit gegen Gott ist das Ideal der intellektuellen Redlichkeit gegen sich selbst entstanden (27 – hier wird Nietzsche als Autor verschwiegen). Religion ist das Gegenteil von Spiritualität; diese sucht direkte Erfahrung, ist individuelle und offen für Argumente (?) (27 f.). Intellektuelle Redlichkeit ist ein Sonderfall der spirituellen Einstellung (umgekehrt!?), welche unbedingt eine individuelle Form von Selbsterkenntnis sucht (28).

    Die Wissenschaft will Ähnliches, arbeitet jedoch mit Datenerhebung und Falsifizierung von Theorien (28 f.); wissenschaftliche Haltung ist die gleiche wie eine seriöse spirituelle Praxis (29, ??? Spiritualität ist von allen Kriterien des Prüfens frei, wird von Metzinger nur formal gefasst). Ihnen entspricht die Idee des kritischen Rationalismus (der Spiritualität?).

    Der Vorgang des Loslassens hat kein Ende (30), darum ist Skepsis die angemessene philosophische Haltung (entspricht das dem spirituellen Streben?).

    Der Spiritualität und der Redlichkeit sind der unbedingte Wille zur Wahrheit und das Ideal absoluter Ehrlichkeit gemeinsam (30, Verbindung zu Bewusstheit und Gewissen, 31). Diese zwei Grundformen epistemischen Handelns können nur gemeinsam realisiert werden (32, ??). Die Zusammenhänge zwischen ihnen müssen erst noch neurologisch zum besseren Verständnis erforscht werden (33); Redlichkeit ist eine Tugend, sie muss kultiviert werden (33 – direkter Widerspruch zum vorhergehenden Satz).

    Es gibt eine innere Einheit der geistigen Tugenden (für den radikalen Neurologen gibt es überhaupt keine Tugend!).

    [Ich möchte abschließend noch einen Verdacht aussprechen, der das ganze Reden von Selbsterkenntnis in der Spiritualität fragwürdig macht:

    Selbsterkenntnis bedeutet für mich, in einem Einzelfall oder einer Reihe von Fällen die wahren Motive des eigenen Handelns zu verstehen; das kann mit intellektueller Redlichkeit einhergehen. "Selbsterkenntnis" für Spirituelle läuft m.W. dagegen auf die absolute Erkenntnis eines Selbst oder auf die Einsicht in dessen Nichtigkeit hinaus, hat also mit ehrlicher Selbsterkenntnis nur den Namen gemeinsam. – Die in Griechenland vom Orakel geforderte Selbsterkenntnis ist m.W. die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit.]

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    Da wir schon beim Thema Metzinger sind, möchte ich gleich auch das nennen, was man im Netz von ihm greifen kann (ich habe hoffentlich das allermeiste gefunden):

    http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/publikationen/1995e.html (Das Problem des Bewusstseins - großer Aufsatz)

    http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/publikationen/SMT2-PDF.pdf (Subjekt und Selbstmodell, Buch, 1999)

    http://skepdic.ru/wp-content/uploads/2013/05/BeingNoOne-SelfModelTheoryOfSubjectivity-Metzinger.pdf (Being No One, Buch 2003)

    http://www.imprint.co.uk/pdf/Metzinger_Weisberg.pdf (Kritik daran von J. Weisberg)

    http://lgxserve.ciseca.uniba.it/lei/ai/networks/04/metzinger_engl.pdf (The Subjectivity... - Analyse der Erste-Person-Perspejtive, 2004)

    http://philpapers.org/archive/METOEA.pdf (Metzinger: Out-of-Body Experiences as the Origin oft the Concept of a "Soul", 2005)

    http://www.ifzn.uni-mainz.de/Metzinger.pdf (Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität, 2000, später überarbeitet und stark erweitert)

    http://www.fv-philosophie-nrw.de/Mitt40.pdf (u.a. Metzinger: Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität, 2005 – Tagung über Bewusstsein)

    http://neuroethics.stanford.edu/documents/NeuroethikTeil1.pdf (Unterwegs zu einem neuen Menschenbild, Aufsatz 2006)

    http://www.kepler-salon.at/en/content/download/985/7862/file/Metzinger%20Drogenpolitik.pdf (Intelligente Drogenpolitik..., 2006, Aufsatz)

    http://www.wissenschaft-online.de/artikel/832965 (Maschine, Moral, Mitgefühl, Aufsatz 2006)

    http://www.jp.philo.at/texte/MetzingerT1.pdf (Der Begriff einer "Bewusstseinskultur", 2006)

    http://www.gehirn-und-geist.de/alias/pdf/gug-06-07-s042-pdf/848187?file (Der Preis der Selbsterkentnis, 2006, Aufsatz)

    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/swr2-aula-21/-/id=660374/did=2719556/nid=660374/1fc95jn/index.html (Das letzte Rätsel der Philosophie, 2007 – 1)

    http://kwakuananse.de/http:/kwakuananse.de/archives/thomas-metzinger-das-letzte-raetsel-der-philosophie-was-ist-das-bewusstsein/ (drei Sendungen à 30 min)

    http://www.wdr5.de/sendungen/philosophischesradio/thomasmetzinger100.html (Aus dem "Ego Tunnel" (2009) - das Selbst: wdr)

    http://de.consenser.org/files/Thomas_Metzinger_Der_EGO_Tunnel_oeffentlich.pdf (Kurzfassung von "Der Ego-Tunnel" für das Phil. Café)

    http://www.deutschlandfunk.de/welche-bewusstseinszustaende-wollen-wir-foerdern.700.de.html?dram:article_id=84527 (Vorstellung von: "Der Ego-Tunnel", 2010)

    http://www.zeit.de/2010/02/L-S-Metzinger (Zeit-Gespräch über das Bewusstsein, 2010)

    http://www.scholarpedia.org/article/Self_models (Artikel: Self models)

    http://www.humanamente.eu/PDF/Issue14_Paper_Metzinger.pdf (The Self-Model. Theory of Subjectivity, 2010)

    http://www.philosophie.uni-osnabrueck.de/Publikationen%20Lenzen/Auf%20der%20Suche%20nach%20dem%20verlorenen%20Selbst.pdf (kritisch dazu W. Lenzen: Auf der Suche nach dem verlorenen "Selbst")

    http://intelligentes-leben.de/tag/thomas-metzinger/ (Meditation ohne Religion, 2011)

    http://www.zeit.de/2011/37/Interview-Metzinger (Das rätselhafte Ich - Gespräch 2011; dagegen Wolfgang Prinz:   http://www.zeit.de/2010/24/Prinz-Interview)

    https://www.youtube.com/watch?v=BXJU_srHqA0 (Gespräch Precht-Metzinger, 2011)

    Das neue Menschenbild – trotz allem gut statt böse? (Gespräch von 4 Experten, u.a. Metzinger, 2011):

    https://www.youtube.com/watch?v=qy_DLWOuceQ (Teil 1)

    https://www.youtube.com/watch?v=eq88FK_lZ9I (Teil 2)

    https://www.youtube.com/watch?v=SGq35srfgz8 (Teil 3)

    https://www.youtube.com/watch?v=vEc_1vKJe90 (Teil 4)

    https://www.youtube.com/watch?v=nxFpVkTYsY4 (Teil 5)

    https://www.youtube.com/watch?v=aXsVKDjc_b8&list=PLYL7dYspA1isgyzbm143sdK5AzKpE6hUj (Metzinger: Philosophie des Bewusstseins, Vorlesungsreihe - 1/15 Videos)

    http://www.zeit.de/campus/2012/02/sprechstunde-thomas-metzinger (Das Selbst ist nur ein Modell – Gespräch 2012)

    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36357/1.html (Das Gehirn ist eine ontologische Maschine – Gespräch 2012)

    http://www.viveka.de/pdf/Viveka_47_Metzinger.pdf (Gespräch: Auf der Suche nach dem Selbst)

    http://karandashy.org/2013/03/11/pussy-riot-und-intellektuelle-redlichkeit-thomas-metzinger-kritisiert-die-moderne-kultur/ (Pussy Riot und die intellektuelle Redlichkeit – Gespräch 2013)

    http://www.podcastpedia.org/podcasts/895/dradio-Kulturfragen/episodes/62/Mensch-und-Bewusstsein-Philosoph-und-Neuro-Ethiker-Thomas-Metzinger-zur-Neudefinition-des-Selbst (Mensch und Bewusstsein - Rundfunk 2013)

    http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/publikationen/Gehirn%20&%20Geist.htm (Gespräch mit Singer und Metzinger – wann?)

    http://nheise.de/Material/Hausarbeit_Metzinger_Pauen.pdf (Nils Heise: Darstellung und Kritik)

    http://www.hanjoheyer.de/Metzinger.html (Kritik an Metzinger)

    http://www.uni-frankfurt.de/46829445/Helmut-Schnitzspan.pdf (Kritisch zur Frage nach der Willensfreiheit als Scheinproblem)

    https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/zpm/psychatrie/fuchs/Neuromythologien_01.pdf (kritisch: Neuromythologien)

  • Bertrand Russell: Probleme der Philosophie

    B. Russell: Probleme der Philosophie (es 207, 1967 – englisch: The Problems of Philosophy, 1912, übersetzt von Eberhard Bubser) - Referat

    1  Erscheinung und Wirklichkeit

    Elementar ist die Unterscheidung zwischen Erscheinung und Wirklichkeit eines Dings: Der wirkliche Tisch "muß etwas sein, das aus dem uns unmittelbar Bekannten erschlossen worden ist" (S. 13); er erscheint uns in verschiedenen Gestalten.

    Definition: Sinnesdaten, Empfindung

    Frage: Welche Beziehung besteht zwischen den Sinnesdaten und dem wirklichen Tisch (materieller Gegenstand)?

    Berkeley: Der wirkliche Tisch ist eine Vorstellung im Bewusstsein Gottes (Position des Idealismus).

    2  Die Existenz der Materie

    Bei systematischem Zweifel bleibt als letzte Gewissheit die Erkenntnis unserer eigenen Erlebnisse. Die Tatsache, dass verschiedene Leute ähnliche Sinnesdaten haben, lässt sich am einfachsten durch die Existenz einer realen Welt erklären; diese Annahme vereinfacht die Erklärung unserer Erlebnisse, auch wenn sie nicht schlüssig bewiesen ist.

    3  Die Natur der Materie

    Auf die Frage, was der wirkliche Tisch ist, antwortet die Physik. Sie schreibt der Materie zwei Fähigkeiten zu: Orte im Raum einzunehmen und sich entsprechend den Gesetzen der Dynamik zu bewegen.

    Der wirkliche Raum ist allgemein zugänglich, der erscheinende Raum ist Privatbesitz jedes einzelnen. In der Hauptsache bestimmen die räumlichen Beziehungen zwischen dem Gegenstand und unserem Körper, welche Empfindungen der Gegenstand (beim Tasten usw.) bei uns auslöst.

    Die Beziehungen zwischen physikalischen Gegenständen haben viele Arten erkennbarer Eigenschaften; aber das innere Wesen der physikalischen Gegenstände bleibt unerkannt.

    4  Der Idealismus

    nimmt an, dass alles, was existiert, "in irgendeinem Sinne ‚geistig', bewußtseinsähnlich (mental) sein müsse" (S. 35).

    Referat der Gedanken Berkeleys (esse est percipi): Letztlich haben wir teil an den Wahrnehmungen Gottes. – Russells unterscheidet in seiner Kritik daran das, dessen wir uns bewusst sein, von dem Bewusstseinsakt selbst; Berkeley sei nur durch die Äquivokation von "Bewusstseinsakt" (also ohne Russells Unterscheidung zu beachten) zum Schluss gekommen, "daß alles, was wir bewußtseinsmäßig erfassen können, im Bewußtsein sein muß" (S. 39).

    Können wir wissen, ob etwas existiert, was wir nicht kennen? Das ist anzunehmen, da wir vieles nicht durch Bekanntschaft damit, sondern durch seine Beschreibung kennen (z.B. die Existenz des Kaisers von China im Jahr 1912).

    5  Erkenntnisformen: Bekanntschaft und Beschreibung

    Wir haben Bekanntschaft von etwas, wenn es uns unmittelbar bewusst ist. Bekannt sind uns

    ·      die Sinnesdaten

    ·      das im Gedächtnis Präsente

    ·      das durch Introspektion Bekannte

    ·      das Ich selbst (als Subjekt des Erlebens)

    ·      die Universalien (die Begriffe: Schwärze, Verschiedenheit usw.)

    Beschreibungen sind Ausdrücke der Form "ein so-und-so" (mehrdeutige B.) oder "der/die/das so-und-so" (eindeutige B.). Russel will sich im Folgenden auf eindeutige Beschreibungen beschränken; Namen sind meist Beschreibungen. Auch wenn Beschreibungen variieren, wissen wir, dass der beschriebene "Satz" (etwa propositio) unverändert bleibt. Die Erkenntnis durch Beschreibung macht es uns möglich, die Grenzen unserer persönlichen Erfahrung zu überschreiten.

    Prinzip: "Jeder Satz, den wir verstehen können, muß vollständig aus Bestandteilen zusammengesetzt sein, die uns bekannt sind." (S. 53)

    6  Über Induktion

    Dürfen wir aus dem uns Bekannten Schlüsse auf Unbekanntes ziehen? Für solche Schlüsse stützen wir uns auf die Erwartung einer Gleichförmigkeit von Ereignissen, welche auch die Tieren besitzen.

    Das Induktionsprinzip stützt solche Erwartungen; es besagt,

    ·      dass es um so wahrscheinlicher ist, dass A mit B zusammen auftritt, je größer die Zahl der Fälle ist, in denen A und B zusammen (und nie allein) aufgetreten sind,

    ·      und dass sich diese Wahrscheinlichkeit bei einer hinreichend großen Anzahl von Fällen der Gewissheit annähert.

    Das Induktionsprinzip kann durch einen Appell an die Erfahrung weder bewiesen noch widerlegt werden. Unser ganzes Verhalten beruht auf seiner Gültigkeit. Auch die allgemeinen Prinzipien der Wissenschaft sind vom Induktionsprinzip abhängig.

    7  Unsere Erkenntnis allgemeiner Prinzipien

    Wir können ein unbezweifelbares Wissen haben, das nicht auf Sinnesdaten zurückgeht. Elementar sind dabei

    ·      der Satz der Identität,

    ·      der Satz vom Widerspruch,

    ·      der Satz vom ausgeschlossenen Dritten.

    Man nennt sie oft Denkgesetze, aber das führt in die Irre (s.u.); aber wir denken richtig, wenn wir in Übereinstimmung mit ihnen denken.

    Apriorisches Wissen kann nicht aufgrund von Erfahrung bewiesen werden, wird aber in uns durch Erfahrung hervorgerufen.

    Man kann jedoch nicht wissen, dass etwas existiert, wenn es einem die Erfahrung nicht sagt.

    Auch was an sich erstrebens- und wünschenswert ist, gehört zum apriorischen Wissen, ebenso die reine Mathematik und die Geometrie.

    Zum Verhältnis Deduktion-Induktion: Bei apriorisch erkannten allgemeinen Sätzen ist die Deduktion die angemessene Form des Schließens, bei empirischen Verallgemeinerungen ("Alle Menschen sin sterblich.") ist die Induktion vorzuziehen (von den Menschen ausgehen, die man als gestorben kennt, und dann auf Sokrates schließen, statt vom verallgemeinerten Satz ausgehen).

    8  Wie apriorische Erkenntnis möglich ist

    Kant hat als erster gesehen, dass apriorisches Wissen nicht analytisch sein muss, sondern auch synthetisch sein kann (Kausalitätsprinzip, Sätze der Arithmetik usw.).

    Nach Kant steuern wir selber unser apriorisches Wissen über Raum, Zeit, Kausalität und Vergleiche zur Erkenntnis bei, während das Rohmaterial der Empfindungen von unseren Sinnen wahrgenommen wird; wir erzeugen damit das Phänomenon, während das Ding an sich uns nicht zugänglich ist.

    Russells wichtigster Einwand: Wenn Logik und Arithmetik unsere Zutat zu den Phänomenen wäre, erklärte das nichts; denn wir resp. unsere Natur gehört zu den veränderlichen Dingen der realen Welt, damit könnte sich das apriorische Wissen morgen ändern. Der Geltungsbereich apriorischer Sätze wird von Kant unzulässig eingeschränkt! In Wahrheit ist der Satz vom Widerspruch kein Denkgesetz, sondern betrifft die Dinge selbst.

    Es hat den Anschein, dass unsere apriorische Erkenntnis es mit Dingen zu tun hat, "die nicht eigentlich existieren, (...) die wir durch Redeteile bezeichnen können, die keine Substantive sind, so etwas wie Eigenschaften und Beziehungen" (S. 79). Den Beziehungen müssen wir eine Welt einräumen, die weder die Welt des Bewusstseins noch die Außenwelt ist.

    9  Die Welt der Universalien

    Platon hat sich mit dem apriorisch Existierenden befasst und es "Idee" oder "Form" genannt: was primär weder in den Dingen noch in unserem Geist, sondern davon unabhängig ist, und eine Welt der Ideen angenommen. Russell zieht den Begriff Universale dem Wort "Idee" vor: etwas, was den partikularen Dingen gemeinsam ist (Schwärze vs. schwarze Gegenstände). Eigennamen stehen für Partikulares; die Substantive, Adjektive, Verben und Präpositionen stehen für Universalien. Es lässt sich kein Satz bilden, in dem nicht mindestens ein Wort ein Universale bezeichnet.

    In der Philosophiegeschichte hat man meistens nur die Substantive und Adjektive (die Qualitäten) als Universalien betrachtet und darüber die Relationen als Universalien übersehen – mit schlimmen philosophischen Folgen (u.a. dem Monismus, der Monadologie und der Meinung, in jedem Satz werde einem Einzelding eine Eigenschaft zugeschrieben).

    Wo sind die Universalien? Sie sind unabhängig davon, ob sie gedacht werden; sie gehören zu jener Welt, "die das Denken zwar erfaßt, aber nicht erschafft" (S. 87). Es gibt keinen Zeitpunkt und keinen Ort, wo man z.B. die Beziehung "nördlich von..." finden könnte. Die Universalien "existieren" also; man sagt besser, "daß sie subsistieren oder Sein haben, wobei ‚Sein' im Gegensatz zu ‚Existenz' zeitlos [und ortlos, N.T.] gemeint ist" (S. 88).

    10  Unsere Erkenntnis von Universalien

    Über die Erkenntnis von Universalien durch Bekanntschaft (vs. durch Intuition, s. Kap. 11): Auf diese Art erkennen wir Sinnesqualitäten; räumliche, zeitliche und Ähnlichkeitsbeziehungen sowie Beziehungen zwischen Beziehungen (z.B. ‚größer als...').

    "Apriorische Erkenntnis hat es ausschließlich mit Beziehungen zwischen Universalien zu tun." (S. 92) Als Beispiel führt Russell 2 x 2 = 4 an; die Anwendung auf konkrete Einzelfälle setzt dagegen Erfahrung voraus (empirische Kenntnis der vier Gegenstände oder Personen); dass alle Menschen sterblich sind, sei keine apriorische Erkenntnis.

    Zwei Beobachtungen über allgemeine apriorische Sätze: a) Manchmal kommt man durch Induktion zu einer allgemeinen Aussage und erkennt erst nachträglich die entsprechende Verknüpfung der Universalien. b) Wir erkennen manchmal einen allgemeinen Satz, ohne einen der Gegenstände zu kennen, von denen der Satz gilt (z.B. von Zahlen an die noch niemand gedacht...).

    Zur Vorbereitung auf Kap. 11 gibt Russell einen Überblick über die Gegenstände unserer Erkenntnis (S. 96 f.):

    1 Erkenntnis von Dingen

    1.1 unmittelbare E. (Bekanntschaft)

    1.1.1 Partikuläres (Sinnesdaten, ich selbst)

    1.1.2 Universalien (Sinnesqualitäten, Beziehungen, einige log. Universalien)

    1.2 abgeleitete E. (Beschreibung), entsteht aus Bekanntschaft und Kenntnis von Wahrheiten

    2 Erkenntnis von Wahrheiten

    2.1 unmittelbare E. (evidente Wahrheiten, aus Intuition): Aussagen über Sinneswahrnehmungen, einige log. und arithmetische Prinzipien, einige ethische Aussagen

    2.2 abgeleitete E., entsteht aus evidenten Wahrheiten und entsprechender Deduktion.

    Man erkennt aus diesem Schema, dass Intuition für 1.2 und 2.2 konstitutiv ist und selbst 2.1 ausmacht.

    11  Intuitive Erkenntnis

    Es gibt Sätze, die unmittelbar einsichtig sind, ohne beweisbar zu sein; wir erkennen sie durch Intuition. Zu diesen Sätzen gehören einige allgemeine Prinzipien, ferner die Wahrnehmungswahrheiten (dass ein Sinnesdatum existiert; dass Bestandteile eines Sinnesdatums in einer bestimmten Beziehung stehen, z.B. Fleck-rund) und die Erinnerungsurteile; bei denen muss man jedoch mit der Möglichkeit der Gedächtnistäuschung rechnen.

    Es gibt Grade bzw. Abstufungen der Evidenz; im Zweifelsfall soll man den evidenteren Satz dem weniger evidenten vorziehen.

    Wahrscheinlich kann man absolute von relativer Evidenz als zwei Arten von Evidenz unterscheiden.

    12  Wahrheit und Falschheit

    Wahrheit und Falschheit gibt es nur bei Erkenntnis von Wahrheiten, nicht bei Bekanntschaft mit Dingen. Man muss die Möglichkeit von Falschheit zulassen, Wahrheit als Eigenschaft von Aussagen begreifen und sie von etwas außerhalb unserer Meinung (Aussage) abhängig machen.

    Klassisch ist die Auffassung, dass Wahrheit in einer Übereinstimmung zwischen Meinung und Tatsache besteht. Die alternative Kohärenztheorie der Wahrheit scheitert, weil es mehr als ein kohärentes System von Aussagen geben kann und weil die Gesetze der Logik nicht mehr durch Kohärenz getestet werden können, sondern den Test erst ermöglichen.

    Russell entfaltet die Theorie der Übereinstimmung dahin, dass er das Urteilen oder Meinen als eine Beziehung [... meint] zu einem Komplex auffasst ("Othello meint, dass Desdemona Cassio liebt.") Dieser Komplex ist seinerseits eine geordnete Beziehung mehrerer Bestandteile [Subjekt Desdemona – liebt – Akkusativobjekt Cassio], die er Tatsache nennt. "Urteilen, Glauben oder Meinen ist eine gewisse komplexe Einheit, zu deren Konstituentien ein Bewußtsein gehört; wenn die übrigen Konstituentien in der Anordnung, die sie im Urteil haben, eine komplexe Einheit bilden, ist das Urteil wahr; wenn sie keine komplexe Einheit [= Tatsache, N.T.] bilden, ist das Urteil falsch. Das Bewusstsein bringt Urteile hervor, kann sie aber nicht wahr machen.

    13  Wissen, Irrtum und Wahrscheinlichkeit

    Russell beginnt mit der Frage, was Wissen ist bzw. wie es sich von wahrer Meinung unterscheidet – die könnte ja aus einer falschen Meinung abgeleitet sein. Er plädiert dafür, nicht nach einer ganz präzisen Definition zu suchen, weil er sie nicht geben kann.

    Bei jeder komplexen Tatsache gibt es zwei Erkenntnismöglichkeiten, die vermittels eines Urteils und die vermittels Bekanntschaft mit der Tatsache; nur bei Bekanntschaft kann es absolute Evidenz geben, aber die ist bei vielen Tatsachen nur einem einzigen Individuum (ich fühle..., ich hasse...) zugänglich. Das durch Urteile zustande gekommene Wissen hat verschiedene Grade der Evidenz und damit der Glaubwürdigkeit.

    Bei wahrscheinlichen Meinungen ist die Kohärenz mit anderem Wissen oft ein brauchbares Kriterium der Wahrheit. Was nicht wahr ist, obwohl es fest geglaubt wird, ist ein Irrtum.

    14  Die Grenzen philosophischer Erkenntnis

    Diese Grenzen sind überschritten, wenn man durch apriorische Argumente die Erkenntnis des Universums oder die Existenz bzw. Nichtexistenz von etwas zu beweisen sucht. Russell diskutiert das am Beispiel von Hegels absoluter Idee und Kants Theorie von der Unwirklichkeit des Raumes. Hegel habe einen falschen Begriff vom Wesen eines Dinges (Verwechslung der Erkenntnis von Dingen und der Erkenntnis von Wahrheiten); Kant sei von der Unmöglichkeit unendlicher Mengen ausgegangen, was seit Georg Cantor widerlegt ist: Es gibt sogar viele mögliche Räume. Die Logik überlässt es der Erfahrung zu entscheiden, welcher Raum der wirkliche ist.

    Philosophische Erkenntnis unterscheidet sich nicht wesentlich von wissenschaftlicher Erkenntnis; es gibt keine besondere Quelle der Weisheit. Das Charakteristikum der Philosophie ist die Kritik; was nach genauerer Betrachtung noch als Wissen erscheint, lässt sie gelten. Sie vermindert die Gefahr des Irrtums – mehr ist nicht möglich in unserer Welt.

    15  Der Wert der Philosophie

    Der Wert der Philosophie besteht in ihrem "Einfluß auf das Leben derer, die sich mit ihr beschäftigen" (S. 135). Sie bringt Einheit und System in die Wissenschaften und prüft die Gründe unserer Überzeugungen und Vorurteile.

    Auch wenn sie die "ewigen" Fragen nicht beantworten kann, soll sie an diesen Fragen arbeiten und uns deren Bedeutung bewusst machen. Ihr Wert besteht "wesentlich in der Ungewißheit, die sie mit sich bringt" (S. 138), und in der Befreiung von engen und persönlichen Zwecken. Denn die philosophische Kontemplation "ist ein unparteiischer Blick auf das Ganze" (S. 139), er dient der Erweiterung unseres Selbst: als unvermischtes Verlangen nach Wahrheit, als Handeln in Gerechtigkeit, als Fühlen einer umfassenden Liebe.

  • Missglückte Apologie des christlichen Glaubens

     

    Der mir unbekannte Schauspieler Christian Ulmen (http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Ulmen) wird heute in der SZ (30. August 2012, S. 10) mit einer Bemerkung über Atheisten zitiert:

    1. Er finde es "fast dümmlich, nicht zu erkennen, dass der eigene Nichtglaube ja auch nur ein Glaube ist";

    2. Atheisten schrammten mit ihrem Anspruch auf ultimative Wahrheit "haarscharf" an der Haltung von Islamisten vorbei.

    Dazu ist Folgendes zu sagen:

    1. Nicht an Gott zu glauben ist kein Glaube. Da wird von Herrn Ulmen nicht verstanden, dass von Atheisten der ganze Satz "Ich glaube an Gott" oder "Ich glaube, dass es einen Gott gibt" negiert wird; das aber ist kein Glaube, sondern eine meinetwegen philosophische These. - Mit der Logik Ulmens [Wer nicht glaubt, glaubt auch ...] ließe sich aus dem Satz "Ich sehe da nichts" auch die Existenz eines Nichts begründen.

    2. Den Anspruch ultimativer Wahrheit von christlicher Seite den Atheisten vorzuwerfen ist ein grandioses Kunststück; denn das Christentum ist von Anfang an mit dem Anspruch ultimativer Wahrheit aufgetreten: "Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden." (Mk 16,16) Es steht Christen nicht gut an, anderen Menschen Fundamentalismus vorzuwerfen, auch wenn "Islamismus" derzeit ein prächtiges Schimpfwort ist.

    Im Übrigen frage ich mich, wieso Herr Ulmen mit solchen halbdurchdachten Äußerungen gegenüber der Bunten überhaupt in der SZ zitiert wird.

     

  • Fromms Imperativ

    Hans Julius Schneider hat als Imperativ der Fromm'schen Ethik vorgeschlagen:
    "Tu das, was du wollen würdest, wenn du ohne Angst wärst und deine wahren Bedürfnisse kenntest (und die Situation, d.h. die Handlungsmöglichkeiten richtig sehen würdest)." (http://www.erich-fromm.de/data/pdf/Schneider,%20H.%20J.,%202004.pdf, dort S. 10)

    Dazu möchte ich fragen: Wie kann ich, wenn ich Angst habe, wissen, was ich wollen würde, wenn ich ohne Angst wäre,
    und woher kann ich meine wahren Bedürfnisse kennen? Kann ich die nicht immer erst nachträglich erkennen: 'Das waren nicht deine wahren Bedürfnisse?'
    Und wie soll ich, wenn ich Angst habe, meine Handlungsmöglichkeiten richtig einschätzen können?

    Fazit: Ist der Fromm'sche Imperativ mehr als nur eine leere Worthülse, die zwar vielleicht "richtig", aber unerfüllt ist, ohne jeden praktischen Nutzen?

  • Lebensgeschichte verändert DNA

    Bemerkenswerter Bericht Christina Berndts in der SZ vom 7. März 2012: Fitness für das Erbgut

    Frau Berndt berichtet von Forschungen Juleen Zieraths, Wolfgang Fischles und Manel Estellers, dass sich Erfahrungen und Umwelteinflüsse im Erbgut niederschlagen. "Wissenschaftler haben inzwischen schon Spuren von Ernährung, Luftverschmutzung, Drogen, Stress und geistiger Anstrengung in epigenetischen Markierungen entdeckt." Auch die DNA eineiiger Zwillinge weicht im Lauf der Zeit stärker voneinander ab.

    Am besten informiert man sich unter den Namen der Forscher selber, z.B.

    http://ki.se/ki/jsp/polopoly.jsp?d=2766&l=en und http://ki.se/ki/jsp/polopoly.jsp?l=en&d=9428

    http://www.mpibpc.mpg.de/research/ags/fischle/ und http://www.mpibpc.mpg.de/english/research/ags/fischle/index.html

    http://epigenome.eu/de/4,17,956 und http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3174267/

  • Recht und Beschränktheit der eigenen Perspektive - Stefan Jerzy Zweig

    Anlass dieser Überlegungen ist ein Artikel in der SZ vom 25. Februar 2012 über das „Kind von Buchenwald“, Stefan Jerzy Zweig, genauer über einen Prozess vor dem Landgericht Berlin 2012 (http://www.sueddeutsche.de/politik/streit-um-buchenwald-gedenken-kz-ueberlebender-wehrt-sich-gegen-begriff-des-opfertauschs-1.1293326). Constanze von Bullion berichtet über das Urteil im Prozess Zweig gegen Knigge, den Leiter der Gedenkstätte Buchenwald. Es ging in diesem Prozess um das Recht Knigges, im Zusammenhang mit der Rettung Zweigs vor dem Transport nach Auschwitz von „Opfertausch“ zu sprechen: Damit der 3jährige Stefan Jerzy Zweig gerettet werden konnte, musste sein Name auf der Todesliste durch einen anderen ersetzt werden, und zwar durch den des 16jährigen Willy Blum. Zweig bestreitet Knigge das Recht, diesen Zusammenhang als Opfertausch zu bezeichnen. Der Richter drängte Knigge dazu, auf den Gebrauch des Wortes zu verzichten; er verletze einen Menschen wie Zweig damit, er solle für Zweig doch ein bisschen Empathie aufbringen.

    Dieser Streit ist ein Lehrstück von der Berechtigung und der Problematik der eigenen Perspektive. Im Lager Buchenwald gab es zunächst die Perspektive derer, die Zweig gerettet haben – sie sahen in ihm vermutlich ein Symbol des Widerstands gegen die Nazis. Bis 1990 dominierte die dem entsprechende DDR-Perspektive, die sich an Apitz’ Roman „Nackt unter Wölfen“ hielt; es war die Legende vom humanen Widerstand der Kommunisten gegen Hitler selbst im KZ - Bill Niven hat diese Legende zerstört. Es gibt daneben die Perspektive des geretteten Stefan Jerzy Zweig, der seinen Rettern nach wie vor dankbar ist. Es gibt aber auch die wissenschaftlich-neutrale Perspektive des Dr. Volkhard Knigge, der einfach den Vorgang des Austauschs des einen Opfers Zweig gegen das andere Opfer Blum beschreibt.

    Der Begriff „Opfertausch“ suggeriert nicht, wie der Richter des Kammergerichts Berlin meint, dass es die Opfer waren, die ihre Plätze tauschten: Autotausch, Büchertausch, Partnertausch, Rollentausch ... man tauscht Autos, Bücher, Partner, Rollen, das alles sind die Objekte des Tauschs, nicht die Subjekte. Der Richter versuchte mit seiner Intervention, der Perspektive Zweigs einen Vorrang vor der wissenschaftlich-neutralen Perspektive einzuräumen. Dieser Versuch ist verständlich, weil es um einen ehemaligen Häftling des KZ Buchenwald und sein Selbstverständnis geht; der Versuch ist aber insofern nicht gerecht, als in der wissenschaftlich-neutralen Perspektive auch die völlig unbeachtete Perspektive des ermordeten Willy Blum aufgehoben ist. Alle reden von Stefan Jerzy Zweig, dem Geretteten; der ermordete Willy Blum hat keinen Anwalt und keinen eigenen Eintrag im Internet. Aber ist ein 16jähriger Zigeuner weniger wert als ein 3jähriges jüdisches Kind?

    Welches Recht haben Menschen auf ihre eigene Perspektive und ihre eigene Sicht der Dinge? Wenn es um die Darstellung dessen geht, was wirklich geschehen ist, muss aus den vielen Perspektiven der Betroffenen (und unter Berücksichtigung aller Fakten und Funde) die wissenschaftliche Sicht des unbeteiligten Beobachters konstruiert werden. Wenn es um die Bewertung geht, wird man jedem seine eigene Sichtweise zubilligen; anderseits wird man auf die Menschenrechte und ähnliche Kataloge als Rahmen gültiger Bewertungen nicht verzichten können. Schwierig wird es, wenn es um Konsequenzen aus Bewertungen geht, die zu Entscheidungen und Handlungen führen; denn dann können nicht alle Perspektiven gleichermaßen berücksichtigt werden – man braucht Maßstäbe, nach denen zu beurteilen ist, was getan werden darf und was nicht.

    Die Betroffenheit Zweigs äußert sich in seinem Satz „Ich bin keine Legende.“ Nein, aber man hat über ihn Legenden erzählt. In der Besprechung von Bill Nivens Buch sagt Steffen Reichert zum Schluss: „Tief enttäuscht ist er [Zweig], dass nach 1990 sein Name von der Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald verschwand. Es ist ja seine Geschichte, sagt er, die nun vergessen werden soll. Aber eigentlich war es nie seine Geschichte, sondern nur ein Mythos, für den er von anderen instrumentalisiert worden war.“ (in: Jüdische Allgemeine, 30.04.2009: „Es war einmal in Buchenwald“) Und Cornelia Siebeck urteilte 2007 in einer Rezension des gleichen Buchs: „Nicht nur vor, sondern auch nach 1990 diente die Überlebensgeschichte Zweigs, der sich selber kaum an seine Haft in Buchenwald erinnern kann, in erster Linie der Illustration ‚richtiger’ oder ‚falscher’ Erinnerung an Buchenwald. Der Mensch Stefan Jerzy Zweig wurde zum Objekt deutscher Gedächtniskultur und ist an dieser Last offensichtlich zerbrochen.“

    Zur Vertiefung einige Links über das Kind von Buchenwald

    http://www.welt.de/print-welt/article626286/Das_Kind_von_Buchenwald.html

    http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/130419/index.html (Buch Bill Nivens)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Jerzy_Zweig

    http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-179

    http://www.youtube.com/watch?v=T4QNxdk2wwY

    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/742

    http://www.berlin.de/imperia/md/content/senatsverwaltungen/justiz/kammergericht/presse/27_o_832_10_urteil_vom_22.3.2011_landgericht_berlin_anonymisiert.pdf (Urteil 2011)

    Über Kinder in Buchenwald

    http://www.buchenwald.de/index.php?p=140 (mit Foto des Kindes St. Zweig)

    http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Die-Rettung-der-Kinder-von-Buchenwald-2104332420

  • Mit Fundamentalisten rational diskutieren?

    Hubert Schleichert hat ein Buch darüber geschrieben, wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Vorab: Ich glaube nicht, dass das möglich ist – es gibt zu viele undiskutierte Vorannahmen für ein "vernünftiges" Gespräch, die zumindest in einem normalen Gespräch nicht alle begründet werden können. Links zum Buch:
    http://www.irwish.de/Site/Biblio/Psychologie/Schleichert.htm (Auszüge)
    http://pantea2.wordpress.com/2008/03/15/warum-man-mit-fundamentalisten-nicht-diskutieren-sollte/ (kritischer Erfahrungsbericht)
    http://www.amazon.de/product-reviews/3406583784?pageNumber=3 (Amazon-Rezensionen)
    http://holgi.blogger.de/stories/1904013/ (kritisches Schema)
    Der Anlass dieser Zeilen ist ein Artikel, den Sebastian Herrmann am 1.2.2012 in der SZ unter der Überschrift "Wie man Starrköpfe überzeugt" veröffentlicht hat. Herrmann refereiert im Wesentlichen Einsichten der Forscher John Cook und Stephan Lewandowsky (The Debunking Handbook). Die Quintessenz des Aufsatzes bzw. besagten Handbuchs ist dies:
    1. Auch wenn Fehlinformationen korrigiert werden, wird die Korrektur bald wieder vergessen.
    2. Zu viele Informationen schaden der Aufklärung: Besser ein paar als viele Argumente vorbringen. ("Eine simpel gestrickte Legende ist kognitiv attraktiver als deren komplexe Widerlegung.")
    3. Die Aufforderung, die Argumente der Gegenseite in Betracht zu ziehen, führt dazu, dass an der eigenen Meinung verstärkt festgehalten wird.
    4. Die bloße Erwähnung eines Irrtums kann diesen festigen (das negative "Vorzeichen" wird quasi gelöscht).
    5. Was das Verständnis fördert (etwa eine saubere Handschrift!), erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass etwas als wahr gilt.
    6. Statt mit Fundamentalisten gibt man sich besser mit solchen ab, deren Meinungen weniger zementiert sind.
    7. Wenn man es jemandem ermöglicht, sich positiv darzustellen, ist dessen Abwehr vernünftiger Argumente weniger stark.
    8. Man tut gut daran, ideologisch abgelehnte Begriffe durch andere zu ersetzen ("Kohlendioxid-Ausgleich" statt "Klimawandel-Steuer").
    9. Wenn man einen Mythos entlarvt, hinterlässt man einen Lücke im Geist des Gesprächspartners; diese Lücke muss gefüllt werden. (Vgl. Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 108 = http://www.textlog.de/21283.html)
    10. "Die Evidenz lässt vermuten, dass populäre Mythen Einfluss behalten werden – egal, wie oft und energisch man diese Irrtümer korrigiert."

    Vgl. jetzt auch http://norberto42.wordpress.com/2012/02/06/h-schleichert-wie-man-mit-fundamentalisten-diskutiert-besprechung/

  • Verständliche Philosophie

    Eher zufällig bin ich auf sechs Aufsätze Peter Bieris in der ZEIT gestoßen, in den elementare philosophische Fragean aufverständliche Weise bedacht werden:

    http://www.zeit.de/2007/24/Peter-Bieri Wie wollen wir leben?

    http://www.zeit.de/2007/27/Peter-Bieri Warum ist Selbsterkenntnis wertvoll?

    http://www.zeit.de/2007/32/Peter-Bieri Wie wäre es, gebildet zu sein?

    http://www.zeit.de/2007/36/Peter-Bieri-4 Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel?

    http://www.zeit.de/2007/44/Peter-Bieri-5 Was macht uns zu Personen?

    http://www.zeit.de/2007/52/Peter-Bieri-6 Was macht die Sprache mit uns?

    Ferner: Unser Wille ist frei (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,336006,00.html)

    Es lohnt sich, die Aufsätze zu lesen!

  • Über das Ich

    Albert Newen sagt, "dass zum Ich die folgenden wesentlichen Merkmale gehören:
    1. die Selbsterfahrung der eigenen Körperteile als zu mir gehörig,
    2. das Gefühl, Urheber der eigenen Handlungen zu sein,
    3. die Erfahrung einer räumlichen Perspektive mit dem Ich als Zentrum,
    4. das Sich-selbst-Erkennen als Objekt im Spiegel sowie
    5. die kognitive Perspektive mit der Fähigkeit, eigenes Wissen von dem anderer Personen zu unterscheiden und sich in andere hineinzuversetzen."
    (Kurzer Auszug aus Albert Newen: Wer bin ich? http://www.spektrum.de/alias/philosophie/wer-bin-ich/1063967)

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