• Ardipithecus ramidus

    Wie sehr Forschung Konstruktion statt "Wahrheit" produziert, kann man an der Neuentdeckung (bzw. Konstruktion) des A. ramidus sehen - die schöne, durch viele Skizzen veranschaulichte Theorie vom Ursprung des Menschen im Übergang in die Savanne ist plötzlich überholt. Jan Dönges referiert:

    "[...] Für die beteiligten Forscher ergibt sich aus der Gesamtschau ein völlig anderes Szenario, als bislang angenommen. Demnach verlor nicht A. ramidus die Fähigkeit zum behänden Klettern, sondern es sind im Gegenteil die Schimpansen, die sich diese Spezialisierung seitdem erworben haben. Ihre Arme wurden deutlich länger, ihre Handgelenke versteiften sich für bessere Kontrolle - und sie entwickelten den typischen Knöchelgang. Insbesondere für diese Art der Fortbewegung gibt es bei den bislang bekannten Urahnen des Menschen keine Hinweise. Der Vierfüßergang auf den Handflächen wäre demnach die ursprünglichere Fortbewegungsweise und die Urahnen der Menschenaffen nicht die ausgemachten Baumbewohner, für die man sie hielt.

    Auch in anderer Hinsicht unterscheidet sich A. ramidus von Schimpansen: Das von Aggression gekennzeichnete Sozialverhalten der Schimpansen bescherte ihnen regelrechte Hauer als Eckzähne. Drohen, zubeißen, kämpfen - all das hatten Ardis männliche Artgenossen offenbar nicht in dem Ausmaß nötig, wie unsere nächsten heute noch lebenden Verwandten. Andernfalls wäre die Statur von Männchen und Weibchen nicht so ähnlich und sie hätten wohl auch nicht dieselben abgerundeten Eckzähne, die für spätere Arten der Homo-Linie typisch sind. Statt über Haremsbildung organisierte der Ardipithecus sein Zusammenleben möglicherweise über längerfristige Zweierbeziehungen, spekulieren die Forscher.

    Die Rekonstruktion von A. ramidus bevorzugter Umgebung rüttelt darüber hinaus an der oft zitierten Savannentheorie, derzufolge das Verlassen des Waldes spätestens bei Australopithecus zum aufrechten Gang geführt hätte. (...) Dass sich nun der mutmaßliche Zweifüßer A. ramidus inmitten der schönsten Wälder tummelte, könnte dieser Hypothese den Todesstoß versetzen. [...]"

    Jan Dönges: Ardi, die neue Lucy
    http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1009701 (wissenschaft-online vom 1. Oktober 2009), vgl.
    http://www.spektrumdirekt.de/artikel/776873

  • Über Weg und Ziel

    Die Eigenart von Religion wird in einem Gespräch der kleinen Alice mit der Cheshire-Katze deutlich (Carroll: Alice im Wuderland, Kap. VI - Übersetzung von John Tenniel):

    „Würdest du mir sagen, bitte, welchen Weg ich von hier aus einschlagen soll?“
    „Das hängt zu einem guten Teil davon ab, wo du hin möchtest“, sprach die Katze.
    „Das ist mir ziemlich gleich -“, sprach Alice.
    „Dann ist es gleich, welchen Weg zu einschlägst“, sprach die Katze.
    „- solange ich nur irgendwo hin komme“, fügte Alice erklärend hinzu.
    „Oh, das wirst du ganz sicher“, sprach die Katze, „wenn du nur lange genug gehst.“
    Alice fand, daß das nicht bestritten werden konnte...

    Alices Frage nach dem richtigen Weg ist dumm - was der richtige Weg ist, lässt sich nur vom Ziel her bestimmen. Die Religionen wissen angeblich den richtigen Weg, ohne allerdings mich nach meinem Ziel zu fragen; denn sie wissen das Ziel - und dieses Ziel ist grundsätzlich für alle Menschen gleich.
         Differenzierung kommt in die Gleichheit nur hinein,
    1. wenn es doch verschiedene Wege gibt - daraus ergibt sich das Problem zu finden, welches der für mich richtige ist (prinzipiell unlösbar: Man muss Gottes Wort in irgendwelchen Geräuschen erkennen!);
    2. wenn es nur einen Weg, aber verschiedene Gangarten oder verschiedene Tempos des Gehens gibt - dann weiß ich jedoch wieder nicht, welche Gangart und welches Tempo mir angemessen sind, siehe oben. Die einfache Lösung: möglichst rasch, solange du nicht zusammenbrichst. Die zynische Lösung: möglichst rasch, auch wenn du dabei zusammenbrichst - du warst auf dem richtigen Weg.

  • Hirnforschung vs. Vernunft

    Eine Anzeige bei wissenschaft-online:

    Manfred Spitzer
    Das Gehirn und die Geheimnisse der Liebe
    Was tut sich in unserem Gehirn, wenn wir uns verlieben?
    14,95 EUR
    http://www.wissenschaft-online.de/artikel/983138

    Die Frage ist nicht, was sich im Gehirn tut (ist zwar ganz nett zu wissen...), sondern was ich tue, wenn ich mich verliebe. Diese Frage kann nicht, richtiger: darf nicht durch die Frage, was sich im Gehirn tut, weggewischt werden. Es ist eine Frage der praktischen Vernunft, es ist die Frage des potenziell nachdenklichen Wesens Mensch.

  • Argumentieren, Wissen und die Griechen

    [...] Griechische Dichter verfuhren hypoleptisch (Jan Assmann), das heißt, sie zitierten, antworteten, widersprachen einander. Diese agonale, wettkampfmässige Weise des Austausches lockt einen Denkstil hervor, der tendenziell «polemisch» ist, auf Angriff und Verteidigung angelegt. Daher die Tendenz, Argumente nicht anzudeuten, sondern auszuführen. So wird alles expliziter, aber auch angreifbarer. Diese hohe Explizitheit macht die Texte auf seltsame Weise «nah» - die homerischen Epen noch nach 2700 Jahren; sie scheinen direkt verständlich zu sein, ohne Kommen-tar, ja geradezu für uns geschrieben. Die meisten platonischen Dialoge sind ohne Kommentar lesbar, auch wenn der Philologe der Interpretation des Philosophen widerspricht.

    Explizitheit fördert einen intellektuellen Habitus, der zur forschenden Erschließung der Welt neigt. Die Griechen übernahmen sehr viel Wissen aus dem Orient, aber sie orga-nisierten es neu. Die geringe Hierarchisierung machte den Wissensaustausch agonaler; Techniken des Widerlegens und Begründens entwickelten sich in Hellas stärker, weil man sie mehr gebrauchte. Nur so können gattungsinterne Regeln der Auseinandersetzung - Disziplinarität - entstehen. Wenn Wissenschaft bedeutet, Sachverhalte systematisch gemäss ihrer spezifischen Logik innerhalb eines abgegrenzten Gebietes zu durchdenken, dann ist sie in der griechischen Kultur entstanden, deutlich zu sehen bei Mathematik und Philosophie und Historie. Thukydides beschreibt den Peloponnesischen Krieg als immanenten Prozess, in welchem keinerlei göttliche Kraft wirkt: Die Geschehnisse werden bei ihm zum Resultat politischer Entscheidungen und zu Resultanten von Machtkomponenten.

    In einem enormen Tempo differenzierten sich in der klassischen Zeit Wissensgebiete aus. Dazu brauchte es besondere kulturelle Konstellationen: eine städtische Kultur, großräumige Kommunikation, eine substanzielle Quote von Menschen, die nicht arbeiteten, sondern Muße pflegten; keinerlei religiöse Bedenken, wenn es ums Prüfen ging. Soziale Autorität behinderte den geistigen Austausch in weitaus geringerem Masse als etwa in Rom. Idealiter zählte nicht der soziale Rang des Sprechers, sondern die Stärke seines Arguments. Daher das Vergnügen an der logischen Sauberkeit einer Argumentation, an ihrem zwingenden Charakter, sogar dann, wenn die gedachten Konsequenzen Erstaunliches, ja Schreckliches ergeben. [...]
    (Auszug aus einem Aufsatz aus der NZZ)

    Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
    Samstag, 6. Oktober 2001

    Unsere fremd gewordene Antike
    Warum wir ihr mehr verdanken, als wir noch wahrhaben wollen
    Von Egon Flaig

    Das ist eine außerordentlich gute Analyse, die langfristig beachtet zu werden verdient.

  • eine andere Meinung gelten lassen?

    Es kommt natürlich darauf an, was jemand meint, wenn er fordert, man müsse auch eine andere Meinung gelten lassen. Prinzipiell braucht man das aber nicht - und die Forderung ist nur ein schlecht verhüllter Versuch, unterm Mäntelchen von Toleranz oder demokratischem Geist Inkompetente zu schützen. Ich begründe diese These:

    Die alten Griechen haben die bedeutsame Unterscheidung "meinen / wissen" gefunden oder erfunden. Eine Meinung gehört nicht zum Wissen; sie ist unbegründet oder grund-los. Wissen ist das, wofür man Gründe angeben kann. Geltung kann nur Wissen beanspruchen, nicht aber eine Meinung.

    Nun gibt es das bedeutsame bürgerliche Recht der freien Meinungsäußerung, wofür es nur sehr weite Grenzen gibt [GG Art. 5, (2): Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.] Das Recht der freien Meinungsäußerung stellt eine große Errungenschaft dar: ein Freiheitsrecht.

    Dazu gehört nun aber nicht, dass diese Meinung beanspruchen darf, wahr zu sein, also für alle denkenden Gutwilligen zu gelten; sie zu binden; sie in ihrem Verstehen oder Handeln zu bestimmen. Erst begründete Meinungen können diesen Anspruch erheben - bzw. Menschen, die ihre Meinung begründen (können). Das gilt auch in der Schule: Die Meinung des Lehrers ist irrelevant, ebenso die Meinung eines Schülers - wenn auch jeder seine Meinung äußern darf. Deshalb konnte ich über die oft erhobene Forderung von Schülern, ich müsse auch andere Meinungen gelten lassen, nur lächeln - ich musste es nicht und muss es auch heute nicht!

    Als Beispiel einer Meinung, die ich partout nicht haben gelten lassen, möchte ich eine Deutung von Goethes Gedicht Dauer im Wechsel anführen:

    Hielte diesen frühen Segen, / Ach, nur eine Stunde fest! / Aber vollen Blütenregen / Schüttelt schon der laue West. (...) Da ist also eine Frühlingssituation, die schnell durch einen milden Westwind beendet wird: Die Blütenblätter fallen ab, es gibt einen Blütenregen.

    Nun gab es in einer Klausur eine Schülerin, die den Frühling nicht sah, deshalb auch die Metapher "Segen" nicht verstand, sondern für einen kirchlichen Segen hielt und demgemäß hier einen Akt der Taufe oder Konfirmation angedeutet sah, woraus dann ein ganzer christlicher Lebenslauf wurde. Davon ist aber nicht im Geringsten die Rede - erst recht nicht, wenn man alles Wechselnde und dann das Dauernde sieht: Danke, daß die Gunst der Musen / Unvergängliches verheißt, / Den Gehalt in deinem Busen / Und die Form in deinem Geist. Was mein Wissen überlegen macht (und das hat schon Spinoza so gesehen): Ich kann den Irrtum der Schülerin erklären, rational aufklären: Missverständnis einer Metapher.

    Zweifellos besteht das Problem nun darin, was als Begründung einer Meinung gelten darf. Das ist eine Frage, welche die Fachleute zu entscheiden haben, im gemeinsamen Gespräch - wobei wiederum strittig ist, wer ein Fachmann ist. Es bilden sich Wissensgemeinschaften, in denen de facto entschieden wird, wer zu den Fachleuten gehört (und wer nicht) - und wenn solche Entscheidungen nicht willkürlich oder aufgrund von Beziehungen getroffen werden sollen, dann müssen sie an ein Verfahren und an die Kenntnis und kompetente Anwendung von Methoden gebunden sein. - Freilich wechseln auch Methoden...

    In praktischen Fragen, wo man sich nicht einigen kann, wer der beste Fachmann ist, wo man aber auch nicht Zeit für endlose Debatten hat (wie beim Palaver im Busch), sondern handeln muss, wird abgestimmt: Die Mehrheit entscheidet. Sie hat nicht Recht, sie stellt nur die Mehrheit dar; wer Recht hat, kann in absehbarer Zeit nicht mit Sicherheit festgestellt werden - das weiß man bestenfalls hinterher.

    In der Schule ist der Lehrer im Idealfall der Fachmann, der sein Amt in einem geordneten Verfahren erworben hat, der die Methoden kennt und sie den Schülern vermittelt - dann können diese in Kenntnis der Methoden dem Lehrer widersprechen und auch Recht haben (bekommen). Die einfache Forderung jedoch, man müsse auch andere Meinungen gelten lassen, hat in der Schule nichts verloren. - Eine andere Frage ist natürlich, ob man einen Schüler lächerlich machen darf, der nur eine Meinung vorträgt oder eine Meinung falsch begründet. Gerade der zweite Fall ist didaktisch meist wertvoll: Er zeigt, wie ein Schüler denkt, und er gibt Gelegenheit, ein Missverständnis aufzuklären: den Quellpunkt des Fehlers aufzudecken. Also: ein Lob fürs Denken, Anerkennung für den Mut der Äußerung, eine 2 für einen guten, wenn auch falschen, jedoch begründeten (also bedachten) Beitrag zum Unterricht.

    Ein ganz anderer Fall liegt vor, wenn beide Seiten nur eine Meinung vertreten; dann muss man auch die andere Meinung "gelten" lassen, d.h. ihr den gleichen Meinungsrang wie der eigenen Meinung zuerkennen. Aber wer ist schon imstande zu sehen, dass er oft nur eine Meinung vertritt, und wer ist imstande, andere Meinungen dann als gleichwertig gelten zu lassen? Beispiel: Alle Religionen haben den Charakter von Meinung, aber zumindest die drei monotheistischen Religionen unseres Bereichs sehen sich selbst als geoffenbart, die anderen als irgendwie minderwertig an, während jeder Außenstehende mit Lessing und seinen Vorläufern sagt: Ihr seid allesamt betrogene Betrüger.

    Fazit: Die griechische Unterscheidung "meinen/wissen" ist nicht schlecht, aber schwer im praktischen Leben anzuwenden - weil der Begriff der Methoden weithin unbekannt ist und der Egozentrismus Einsicht verhindert. Was haben die Christen (Katholiken) nicht für einen Aufwand mit dem Dreischritt demonstratio religiosa / christiana / catholica betrieben, um zu beweisen, dass sie halt die Besten, sogar die einzig Richtigen sind (das nannte man früher Fundamentaltheologie). Ich glaube, man musste als Priester sogar beschwören, dass man glaubte, dass sich der Katholizismus als einzig wahr beweisen ließe... Typischer Fall von Münchhausen: sich am Glauben aus dem Problem des Beweisens herausziehen!
    Vermutlich wird man den Respekt vor dem Menschen ebenfalls als Denkfigur einführen müssen, begründet in der Unterscheidung "Mensch/Meinung". Vielleicht genügt auch, nicht über die andere Meinung zu urteilen, wenn man nicht begründet urteilen kann? Oder doch zu urteilen, ohne den Respekt vor dem Menschen zu verlieren?

  • Selbstorganisation: Prinzip des Lebens

    V. Gerhardt: Selbstbestimmung (1999), 4. Kapitel: Selbstorganisation. Das Prinzip des Lebens

    1. Leben ist der umfänglichste Begriff des Zusammenhangs, in dem wir stehen; zum Leben gehört eine Binnenperspektive. Alle unsere Leistungen sind Lebens-Erfahrungen, welche in der traditionellen Lebensphilosophie unzureichend erfasst werden.
    2. Es ist ein Philosophie des Lebens möglich, welche sich von der derzeit betriebenen Philosophie der Biologie unterscheidet.
    3. Bei der Erkenntnis des Lebens kommt der Mensch nicht von seinem Selbstverständnis los, wobei wir wiederum Maß an den Lebewesen nehmen, die um uns sind.
    4. Strukturmerkmale des Lebens sind die Dynamik, die jedes Lebewesen aus sich selbst hat, und der geregelte Verlauf des Lebens.
    5. Leben verläuft in Regelmäßigkeit, Wiederholung, Rhythmus; es bildet sich in Hierarchien aus, was sich einmal im Organismus zeigt, aber auch in sozialen Verbänden.
    6. Im Leben dramatisiert sich die Individualität der Dinge im Bemühen um Selbsterhaltung des Individuums. Der Organismus vollbringt diese Leistung in einem Prozess der Abgrenzung (Haut) und Einverleibung von Welt. [Plessner]
    7. Mit dem Körper gibt es nicht nur ein Innen / Außen, sondern auch die gemeinsame Einheit gegenüber dem Fremden.
    8. Der Organismus organisiert sich selbst; dem entspricht in Analogie die Selbsttätigkeit des Menschen.
    9. Freiheit als Selbstbestimmung wird zur impliziten Sinnbedingung von (spontaner) Selbstorganisation.
    10. Geschichtlich bestimmt ist die Evolution, aber auch das lebendige Individuum; die Gesamtentwicklung steht unter einem Gesetz der Beschleunigung, die beim Menschen zu einer Steigerung der organischen Selbstreferenz führt (Verstand, Vernunft, Willen, Vorstellung, Urteilskraft).
    (Das ist mein Versuch, die Gedanken der zehn Unterkapitel in 10 Sätzen zu erfassen.)
    Unter http://www.sueddeutsche.de/thema/Volker_Gerhardt kann man Beiträge des Autors zu vielen praktischen ethischen Fragen nachlesen.

    Damit ist mein Referat des Buches abgeschlossen: Es ist in den Sätzen übersichtlich und kritisierbar geworden. Zunächst hatte ich die Kap. 5-10, danach erst die Kap. 1-4 referiert.

  • Selbstzweck und Selbstbestimmung (V. Gerhardt)

    V. Gerhardt: Selbstbestimmung (1999), 3. Kapitel: Selbstherrschaft, Selbstbestimmung und Selbstzweck

    1. Selbständigkeit ist eine elementare Befähigung des Menschen.
    2. Selbständigkeit ist schon in der Antike als Sorge um sich selbst erkennbar.
    3. Die Sorge um sich erfordert, dass die Seele mittels vernünftiger Überlegung über sich selbst herrscht.
    4. Auch in der Ethik gibt es eine Kontinuität zwischen Antike und Moderne; die Selbsterhaltung ist nicht erst mordernes Prinzip des Lebens, sondern Prinzip jedes Lebewesens.
    5. Wird Petrarca als erster moderner Mensch betrachtet (Ego sum unus...), so formuliert G. Manetti 1452 das Prinzip der menschlichen Würde (dignitas) und sieht wie Cusanus den Menschen als Kosmos im Kleinen (Mikrokosmos) an.
    6. Bei Pico della Mirandola kommt dem Menschen dann zu, seine Natur selbst zu bestimmen; er ist von Gott in den Mittelpunkt der Welt gestellt.
    7. Bei Kant wird der Mensch autonom: zum Zweck an sich selbst; dies ist der Grund menschlicher Würde.
    8. Die Selbstbegrenzung aus eigener Einsicht in eigene Grenzen ist ein Akt der Vernunft, die sich auf sich selbst richtet, so ihre Selbstbestimmung leistet und die Würde des Menschen gründet [Kant].
    9. Ist das Recht auf Selbstbestimmung inzwischen auch zu einem politischen Grundsatz geworden, so ist die primär die Bedingung für die Zuschreibung moralischer Prädikate.
    10. Selbstbestimmung ist Prämisse und Grundproblem der Ethik; sie muss strikt individuell geleistet werden.
    (Das ist mein Versuch, die Gedanken der zehn Unterkapitel in 10 Sätzen zu erfassen.)

  • Selbständigkeit (Volker Gerhardt)

    V. Gerhardt: Selbstbestimmung (1999), 2. Kapitel: Selbständigkeit

    1. In einer Situation nachhaltig empfundener Selbständigkeit kommt man angesichts der geltenden Regeln in eine moralische Krise, aus der man nur durch ausdrückliche Selbstbestimmung wieder herauskommt.
    2. Nicht durch die Gesetze und Konventionen des lebendigen Daseins verliert man die Selbständigkeit, sondern wenn ein anderer Mensch einem seinen Willen aufzwingt.
    3. Aus eigenem Impuls zu leben ist Kennzeichen des Lebendigseins; jeder Mensch will apriori das tun können, was seiner eigenen Einsicht entspricht.
    4. Das Bewusstsein unserer Verbundenheit mit den anderen Lebewesen wird im Nachdenken über die Abwehr von Zwang vertieft.
    5. Auch wenn der Geist sich in einer Differenz zur Natur begreift (und sogar als „göttlich“ ausgelegt hat), muss er doch Analogien der Selbständigkeit bei den Tieren beachten.
    6. Selbsterkenntnis (Wer bin ich?) und die moralische Frage (Was soll ich tun?) gehören untrennbar zusammen und verstärken sich gegenseitig.
    7. Zur Ethik zählt primär das, was die Probleme des Strebens einzelner Menschen und ihres Handelns betrifft.
    8. Ethik (bzw. Moralphilosophie) versucht zu klären, welche Handlungen ein Mensch nach seinem Selbstverständnis von sich fordern soll (bzw. welches die Normen sind, unter denen er sich begreift); dann kann er das Problem lösen, das er sich selber ist.
    9. Ethik als Selbstaufklärung des Individuums in praktischer Absicht hat zu klären, wodurch das moralische Problem entsteht; dazu gehören die Fragen,
    - was für ein Wesen der Mensch ist,
    - welches die konstitutiven Begriffe des Handelns aus eigenem Anspruch sind,
    - welches Prinzip der Moral zugrunde liegt,
    - wie das ethische Grundgesetz lautet,
    - (evtl.) welche konkreten Gebote es gibt.
    10. Ethik geht von der Frage aus, was der Handelnde eigentlich selber will,
    * wenn sich die Lösung eines Problems, das einen selber betrifft, nicht von selbst versteht, und
    * wenn sich das Individuum als handelndes Wesen selbst wichtig nimmt.
    (Das ist mein Versuch, die Gedanken der zehn Unterkapitel in 10 Sätzen zu erfassen. Die Sätze 4. und 5. verdanken sich möglicherweise dem Versuch, wiederum zehn Unterkapitel bzw. Hauptsätze zu liefern.)

  • Volker Gerhardt: Philosophieren

    V. Gerhardt: Selbstbestimmung (1999), 1. Kapitel: Selbsterkenntnis

    1. Selbst denken als Philosophieren kann man nicht lernen, sondern als Individuum nur im selbstbewussten Umgang mit sich und den eigenen Problemen tun.
    2. Dies ist Sache des Individuums, weil im Philosophieren eben die eigene Einsicht gesucht wird.
    3. Da in Begriffen gedacht wird, kommt das Individuelle nur im Allgemeinen vor.
    4. Erkenntnis steht im Dienst der Wirksamkeit des Individuums in der Wirklichkeit.
    5. Selbsterkenntnis ist das Element der Philosophie und führt zur Welterkenntnis (und umgekehrt).
    6. In seinen Problemen ist das Individuum tätig mit seiner Welt vermittelt, weil es sie lösen muss; es kann sich auch selbst zum Problem werden.
    7. Probleme haben einen objektiven Chrakter, sind aber im Dienst des eigenen Lebensvollzugs individuell angelegt; das gilt auch für das wissenschaftliche Arbeiten.
    8. Philosophie als Wissenschaft und Kunst ist auf ein Ganzes aus.
    9. Philosophierend stellt sich das Individuum der Frage, die es sich selbst ist, bzw. der Frage, was „das alles“ es selbst angeht.
    10. Philosophie als Selbstbesinnung vertieft die Selbsterkenntnis und liefert der Selbstbestimmung ihre nachdrücklichen Gründe.
    (Das ist mein Versuch, die Gedanken der zehn Unterkapitel in 10 Sätzen zu erfassen. Gerhardt gibt selbst eine knappe Zusammenfassung auf S. 71 f.)

  • V. Gerhardt: Selbstverwirklichung

    V. Gerhardt: Selbstbestimmung (1999), 10. Kapitel: Selbstverwirklichung

    1. Das unter den Bedingungen des Lebens stehende Ich bejaht sich in seiner Unabhängigkeit, Spontaneität, Absolutheit.
    2. Die eigene vernünftige Einsicht ist die letzte Instanz des Individuums (um die Frage „Was soll ich tun?“ zu stellen und zu beantworten).
    3. Im spontanen Gebrauch der Vernunft durch das individuelle Selbst liegt die Gegenwart des Absoluten; vom Individuum hängt alle Wertschätzung ab.
    4. Der Wert des einzelnen Menschen ist absolut, seine Würde ist unantastbar.
    5. Zur Sorge für sich selbst kommt nicht der Altruismus eigens hinzu, sondern die Solidarität ist im Begriff der Person angelegt.
    6. Zum Ego tritt notwendig Alter ego hinzu; das Individuum weist Merkmale sozialer Formationen auf.
    7. Das Pathos des Individuums liegt darin, dass es sich selbst verwirklicht, wobei es auch die anderen als Personen anerkennt und die Lebensbedingungen bejaht.
    8. Das sich verwirklichende Selbst ist ein rationaler Ego-ist.
    9. Die Selbstverwirklichung im Lebenskontext schließt  aus, dass man Autismus für Autonomie halten darf oder dem „großen“ Indidividuum alles gestattete.
    10. Das individuelle Selbst ist der ungreifbare Fluchtpunkt unserer Selbstbegriffe; es hat sich auf sein besseres Selbst hin zu überwinden und diese Differenz tätig zu gestalten.
    (Ich habe versucht, die Gedanken der zehn Unterkapitel in 10 Sätzen zu erfassen.)

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